Böse Pillen, brave Zigaretten
Ärzte sind ahnungslos, Pharma ist böse, alles kommt aus dem Darm – die Apothekenspitzel:in hört ihrer Tante zu, schüttelt dabei den Kopf und fragt sich: Und was ist mit der Tabakindustrie?
Man kann vieles über Familienfeiern sagen, aber eines steht fest: Sie sind ein hervorragendes Fortbildungsformat. Nicht zertifiziert, nicht evidenzbasiert, aber dafür mit umso mehr Meinung. Neulich saß ich meiner Tante gegenüber, eine Zigarette nach der anderen, und bekam ein komplettes Update zur Lage der Nation. Spoiler: Schuld ist die Pharmaindustrie (natürlich!).
Ich nickte höflich, wie man das als Apothekenmitarbeiterin eben gelernt hat. Solche Gespräche kenne ich aus dem Apothekenalltag nur zu gut, ich habe mir inzwischen ein dickes Fell zugelegt. Innen drin lief allerdings ein leises Knack – das Geräusch, mit dem sich berufliche Fassung vom privaten Kopfschütteln trennt.
„Die Ärzte haben doch alle keine Ahnung“
So begann es. Ärzte würden heute nur noch Symptome verwalten, Rezepte ausdrucken und nicht mehr richtig untersuchen. Früher sei man noch als Mensch gesehen worden, heute sei man nur eine Nummer. Von ganzheitlicher Beratung und Therapie wolle sie gar nicht erst anfangen.
Ich hörte zu und dachte an all die Vormittage in der Apotheke, an denen wir telefonisch zwischen Arztpraxis und Pflegeheim jonglieren, Dosierungen erklären, Wechselwirkungen abfangen und Therapiepläne retten, bevor sie Schaden anrichten. An Ärztinnen und Ärzte, die sehr wohl Ahnung haben, aber in einem System arbeiten, das sie genauso aufreibt wie uns.
Dass solche Nuancen im Küchentisch-Diskurs selten Platz haben, überrascht mich nicht. Mein inneres Kopfschütteln wurde nur größer.
„Die Pharmaindustrie will doch nur Geld machen“
Meine Tante ist überzeugte „Darm-Fanatin“ und hat sogar eine Zeit lang Nahrungsergänzungsmittel chinesischer Hersteller vertrieben. Sie versuchte mich mehrfach zu Produkttests zu überreden, denn die Präparate würden ja so gut wirken (ich habe dankend abgelehnt!). Irgendwann fragte sie mich, ob Darmbakterien-Hersteller eigentlich auch zur Pharmaindustrie zählen.
Hm. Worauf wollte sie hinaus?
Der zweite Akt des Gesprächs ließ nicht lange auf sich warten. Die Pharmaindustrie sei böse, gierig und manipulativ. Sie wolle uns krank halten, damit wir Medikamente brauchen. Am liebsten täglich. Am besten lebenslang.
Ich fragte mich, wann genau wir als Gesellschaft beschlossen haben, dass Medikamente einerseits lebensrettend sein dürfen, andererseits aber bitte ausschließlich aus purer Nächstenliebe hergestellt werden sollen. Forschung ohne Finanzierung, Entwicklung ohne Gewinn, Qualität ohne Kosten – ein faszinierendes Geschäftsmodell. Wollen wir nicht eigentlich alle für unsere Arbeit bezahlt werden?
Ja, es gibt Fehlentwicklungen. Ja, es gibt Preisdiskussionen. Ja, Kritik ist notwendig. Aber wer Medikamente pauschal verteufelt, vergisst auffällig schnell, dass ein Großteil unserer heutigen Lebensqualität und Lebenszeit genau diesen „bösen Pillen“ zu verdanken ist.
Und damit wären wir bei meinem Lieblingsteil des Abends.
Rauchende Widersprüche
Irgendwann platzte es aus mir heraus – innerlich, wohlgemerkt:
Früher wurden Menschen 40 Jahre alt. Heute werden sie 95 und nutzen die letzten 30 davon, um sich über die Pharmaindustrie zu beschweren.
Wir impfen, wir therapieren, wir transplantieren. Wir behandeln chronische Erkrankungen, die früher ein schnelles Ende bedeutet hätten. Heute bedeutet „krank“ oft: behandelbar. Manchmal sogar gut behandelbar.
Dass diese Errungenschaften als selbstverständlich gelten, während jede Nebenwirkung als persönlicher Angriff empfunden wird, ist vermutlich menschlich. Für Apothekenteams aber ist es tägliches Spannungsfeld.
Alles beginnt im Darm. Außer die Zigarette.
Der Endgegner des Gesprächs kam zum Schluss: Alle Krankheiten beginnen im Darm. Alles sei eine Entzündung. Medikamente würden nur Symptome unterdrücken. Heilen könne man sich selbst – mit Ernährung, Entgiftung und der richtigen Haltung.
Ich blickte auf die Zigarette in ihrer Hand. Kettenraucherin. Seit Jahrzehnten. Ihre Aussage mag in Teilen stimmen, aber als ich vorsichtig vorschlug, doch mit dem Rauchen aufzuhören (immerhin ein echter Entzündungs-Booster und bewährter Darm-Schädiger), sah sie mich an, als hätte ich ihr geraten, auf Schokolade zu verzichten.
Und da war sie, meine unausgesprochene Frage, die schließlich doch den Weg nach draußen fand:
Die Pharmaindustrie ist böse, aber die Tabakindustrie ist okay???
Hier endete das Gespräch abrupt. Und mein innerer Monolog begann.
Warum wird akzeptiert, dass eine Industrie nachweislich süchtig macht und tötet, während eine andere, die Krankheiten behandelt, grundsätzlich verdächtig ist? Warum gelten Tabletten als Manipulation, Nikotin aber als persönliche Freiheit? Warum ist „Chemie“ im Medikament böse, im Glimmstängel aber kulturell verankert?
AMIRA fragt: Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht? Teile sie gern in den Kommentaren!