Viva pharmacia!

Apotheken protestierten bundesweit für bessere Bedingungen. Deniz Cicek-Görkem, Leitung der AMIRA-Reaktion, war in Düsseldorf vor Ort und berichtet von einer kraftvollen Kundgebung mit über 10.000 Teilnehmenden.

Bundesweiter Protesttag: Apothekenteams machen ihre Lage sichtbar

Heute blieben deutschlandweit tausende Apotheken geschlossen. Was für Patientinnen und Patienten auf den ersten Blick wie ein drastischer Schritt wirkten dürfte, war für viele Apothekenteams ein notwendiges Zeichen: Sie kämpfen für eine auskömmliche Vergütung, eine stabile Arzneimittelversorgung und gegen politische Pläne, die den Berufsstand nachhaltig gefährden könnten. Die Versorgung am Protesttag wurde durch die diensthabenden Notdienst-Apotheken sichergestellt. 

Am Düsseldorfer Burgplatz versammelten sich nach Polizeiangaben etwa 10.000 Menschen – Apothekerinnen, Apotheker, PTA, PKA, Großhändler und sonstige Unterstützerinnen und Unterstützer aus der Branche. Viele Apothekenteams trugen Plakate mit Slogans rund um Kaputtsparen, Fachkompetenz und Verantwortung.

Apothekenteams wehren sich gegen das Kaputtsparen der Apotheken

Die Stimmung auf dem Burgplatz war laut, entschlossen und voller Energie: Trillerpfeifen, bunte und kreative Protestplakate, aber auch schwarze Kleidung vieler Teams, die damit ihre Trauer über die aktuelle Lage ausdrücken wollten.

Foto: Deniz Cicek-Görkem 

Einer von ihnen war Mehmet Karabulut, Inhaber der farma-plus Apotheke in Wegberg, der zusammen mit der Gewinnerin des Wettbewerbs „Beste PKA 2025“ Nadine Zeia vor Ort vor. „Unser schwarzes Outfit steht für die Trauer, die viele von uns empfinden. Wir verlieren Apotheken, Kolleginnen und Kollegen – und die Politik sieht zu. Wir können das Sterben der Vor-Ort-Apotheken nicht länger schweigend begleiten“, so Karabulut.

„Keine Apotheke ohne Apotheker!“ – laut ABDA ein Grundrecht

Thomas Preis, Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, fand bereits im Vorfeld deutliche Worte zur angespannten wirtschaftlichen Situation: „Wir wehren uns dagegen, dass die Apotheken kaputtgespart werden. Unsere Kosten sind in den letzten 13 Jahren um 65 Prozent gestiegen – die Vergütung hingegen stagniert. Deswegen mussten seit 2013 fast 20 Prozent der Apotheken schließen. Und ein Ende der Schließungswelle ist nicht absehbar.“

Seine Botschaft war klar: „Wir haben heute die Apotheken geschlossen, damit wir auch morgen da sind – für unsere Patientinnen und Patienten.“ Er sprach auch die geplante Reform „Apotheken ohne Apotheker/ohne Apothekerin“ des Bundesgesundheitsministeriums an. Auch hierzu positionierte sich der ABDA-Präsident unmissverständlich: „Keine Apotheke ohne Apotheker! Das ist ein Grundrecht der Bürgerinnen und Bürger in unserem Land.“ Er betonte, dass sie diese Pläne gemeinsam mit dem Bundesverband PTA (Bvpta) ablehnen; bei einigen Protestierenden führte diese Aussage zu Ablehnung. 

„Wir bleiben auf der Strecke“

Foto: Deniz Cicek-Görkem
 
Claudia Ogermann (Apothekerin) sagt: „Ich bin heute hier, weil es so einfach nicht weitergehen kann. Wir sind der Notnagel für alles, aber die Politik honoriert das seit 13 Jahren nicht. Alle anderen füllen sich die Taschen – nur wir bleiben auf der Strecke. Es gibt so viele Punkte, bei denen endlich gehandelt werden muss. Die Internet-Apotheken wie Shop-Apotheke können tun, was sie wollen: Sie werben mit Gutscheinen, bei ihnen wird die Kühlkette nicht kontrolliert. Das sind Dinge, die bei uns streng geregelt oder sogar verboten sind – und dort wird freie Hand gelassen. Das geht so nicht. Hinzu kommt die immer größer werdende Bürokratie. Durch die Lieferengpässe haben wir einen drastischen Mehraufwand, müssen ständig Rücksprache halten und bekommen diese Mehrarbeit nicht vergütet. Wenn es so weitergeht, sehe ich die Zukunft der Vor-Ort-Apotheken alles andere als rosig.“

Breite Unterstützung aus dem Großhandel 

Dass die Apotheken mit ihrem Protest nicht alleinstehen, zeigte die deutliche Präsenz des pharmazeutischen Großhandels. Dr. Michael Kuck (NOWEDA Apothekergenossenschaft eG; Vorstandsmitglied im Phagro) betonte: „Sie setzen ein wichtiges Zeichen für die Öffentlichkeit. Apotheken kämpfen nicht nur für sich, sondern auch für die Arzneimittelversorgung. Wir sind heute bei Ihnen und protestieren mit!“ Auch Patrick Neuss von Sanacorp richtete klare Worte an die Teilnehmenden: „Wir als Sanacorp stehen geschlossen an Ihrer Seite, weil es so nicht weitergeht. Qualität entsteht durch Qualifikation. Keine Experimente zulasten der Patientensicherheit.“ Seine Aussage zielte ebenfalls auf das Konzept „Apotheken ohne Apotheker“, das insbesonere die Apotheker:innen in großer Sorge zurücklässt.

„Wir wollen nur 1 Euro Erhöhung haben“

Apotheker und Influencer Mustafa Bagli war ebenfalls vor Ort:

Video: Deniz Cicek-Görkem

Unterstützung bis zum Schluss: MEDICE versorgt die Teams

Ein weiteres Zeichen der Solidarität setzte das Pharmaunternehmen MEDICE, das die Protestierenden vor Ort mit Kaffee, Brezeln und Bananen versorgte – und noch weit über das Ende der Kundgebung blieb. Viele Teams zeigten sich dafür dankbar, das Angebot wurde gut angenommen.

Ein Tag der Geschlossenheit 

Der heutige Protesttag hat eines deutlich gemacht: Die Apotheken wollen nicht einfach weiter hinnehmen, dass ihre wirtschaftliche Lage ignoriert und ihre Rolle für die Gesundheitsversorgung unterschätzt wird. Sie haben geschlossen, um weiterhin öffnen zu können – für die Menschen, die täglich auf sie angewiesen sind.
Die vielen Stimmen, das Engagement der Teams, die breite Unterstützung des Großhandels und die Präsenz von mehr als 10.000 Teilnehmenden in Düsseldorf zeigen: Die Apotheken sind bereit, für ihre Zukunft und für die Arzneimittelversorgung in Deutschland einzustehen.