Wunden mögen’s feucht

Schorf war gestern: Moderne Wundversorgung setzt auf ein feuchtes Milieu. Warum Wunden so schneller heilen und welche Produkte sich eignen – hier findest du praxisnahe Tipps für deine Beratung am HV-Tisch.

Paradigmenwechsel in der Wundversorgung

Die klassische Empfehlung, Wunden „an der Luft trocknen zu lassen“, gilt heute als überholt. Bereits seit den 1960er-Jahren ist bekannt, dass Wunden unter feuchten Bedingungen deutlich schneller abheilen als unter trockener Schorfbildung. Moderne Leitlinien favorisieren daher die feuchte Wundbehandlung, bei der ein kontrolliertes, leicht feuchtes Milieu geschaffen wird.

Wundheilungsphasen gezielt unterstützen

Die Wundheilung verläuft in mehreren Phasen (Reinigung, Granulation, Epithelisierung), die ineinander übergehen. Ein feuchtes Milieu unterstützt jede dieser Phasen und lässt die Wunde atmen. Was passiert noch?

  • Beschleunigte Epithelisierung: Hautzellen können sich leichter über die Wundoberfläche bewegen
  • Erhalt von Wachstumsfaktoren und Enzymen: Wundexsudat enthält wichtige Reparaturstoffe
  • Autolytisches Debridement: körpereigene Enzyme bauen nekrotisches Gewebe ab
  • Reduzierte Narbenbildung: gleichmäßige Gewebeneubildung ohne störenden Schorf
  • Geringere Schmerzen: Schutz freiliegender Nervenenden

 

Zusätzlich verkleben moderne Wundauflagen nicht mit dem Wundgrund, sodass Verbandswechsel atraumatisch erfolgen können.

Moderne Wundauflagen und Wirkstoffe

Für die Umsetzung der feuchten Wundheilung stehen verschiedene Produkte zur Verfügung:

  • Hydrokolloidverbände: bilden ein gelartiges Milieu, fördern Autolyse und schützen vor Keimen
  • Alginate und Schaumverbände: hohe Absorptionskapazität bei stark exsudierenden Wunden
  • Antimikrobielle Auflagen (z.B. Silber): reduzieren die Keimlast bei infektionsgefährdeten Wunden

 

Ergänzend gibt es Hydrogele und hydroaktive Lipogele auf dem Markt. Diesen geben Feuchtigkeit ab und unterstützen die Wundheilung. Im Apothekenalltag kommen häufig Präparate mit folgenden Wirkstoffen vor:

  • Dexpanthenol (z. B. Tyrosur® CareExpert): fördert Epithelisierung und Regeneration
  • Hyaluronsäure (z. B. Hyalo4 Skin): verbessert Hydratation und Gewebereparatur
  • Ringerlösung (z. B. Lavanid®): unterstützt die Reinigung
  • Zink- und Eisen-Ionen (z. B. Medigel®): zur pH-Optimierung des Wundklimas
  • Octenidin (z. B. octenisept®): bildet eine Schutzschicht gegen Keime

 

Grenzen der feuchten Wundbehandlung

Die feuchte Wundbehandlung hat ihre Grenzen und erfordert vor allem eine sorgfältige Kontrolle der Feuchtigkeitsbalance. Ist die Wunde zu trocken, kann dies die Heilung verzögern, während ein zu feuchtes Milieu zu Mazeration und einem erhöhten Infektionsrisiko führt. Zudem ist diese Form der Wundbehandlung nicht in allen Fällen geeignet: Beispielsweise sollte sie nicht bei trockener Nekrose angewendet werden. Auch bei stark infizierten Wunden ohne begleitende ärztliche Therapie ist von einer feuchten Wundbehandlung abzuraten.

Beratungstipps für den HV-Tisch

Für Apothekenteams ergeben sich klare Handlungsempfehlungen:

  • Wundart erfragen: Größe, Tiefe, Exsudat
  • Verbandswechsel optimieren: seltener wechseln, um Heilung nicht zu stören
  • Warnzeichen nennen: Rötung, Eiter, Schmerzen → Arzt
  • Feuchte, nicht „nasse“ Wunde anstreben
  • Geeignete Auflage wählen:
  • trocken → Hydrogel
  • nässend → Hydrokolloid/Alginate

Ein häufiger Beratungsfehler ist das Belassen der Wunde „an der Luft“ – hier sollte aktiv aufgeklärt werden.

Fazit

Die feuchte Wundbehandlung stellt den heutigen Goldstandard dar. Sie beschleunigt die Heilung, reduziert Schmerzen und verbessert das kosmetische Ergebnis. Für die Offizin ist eine indikationsgerechte Produktauswahl entscheidend, um Patient:innen optimal zu versorgen.