Wochenrückblick: pDL-Preise, giftige Pflanzendrinks, ABDA-Forderungen

Einsamkeit als Diabetesrisiko, Streit um pDL‑Preise, PDE‑5‑Hemmer, Mykotoxine in Pflanzendrinks, neue Vitamin‑D‑Leitlinie, Minijob‑Debatte und ABDA‑Forderungen: Das bewegte die Gesundheitswelt diese Woche.

Einsamkeit steigert Risiko für Typ-2-Diabetes deutlich

Einsamkeit belastet nicht nur psychisch, sondern erhöht auch das Risiko für körperliche Erkrankungen wie Typ‑2‑Diabetes erheblich. Laut Prof. Karl-Heinz Ladwig (TU München) ist Einsamkeit in Deutschland weit verbreitet und seit der Coronapandemie deutlich gestiegen. Eine Metaanalyse von neun großen Kohortenstudien mit rund 1,1 Millionen Menschen ergab, dass einsame Personen ein um 32 % erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Typ‑2‑Diabetes haben; soziale Isolation steigert das Risiko um 20 %. Die Ergebnisse unterstreichen, wie stark psychosoziale Faktoren zur Entstehung metabolischer Erkrankungen beitragen.

DAV kündigt Preise für pharmazeutische Dienstleistungen

Der Deutsche Apothekerverband (DAV) hat die bestehenden Preise für pharmazeutische Dienstleistungen (pDL) zum 31. März gekündigt, nachdem die Krankenkassen laut DAV nicht zu Preisanpassungen bereit waren. Die aktuellen Preise bleiben bis zum Abschluss der laufenden Verhandlungen in Kraft; möglicherweise muss erneut die Schiedsstelle entscheiden. Hintergrund sind steigende Kosten sowie ein erheblicher Finanzüberschuss im pDL-Fonds, auf dem inzwischen über 550 Millionen Euro liegen. Zudem plant die Bundesregierung, den bisherigen Mittelzufluss von 20 Cent pro Rx-Packung künftig zur Finanzierung der Notdienste umzuleiten, während pDL direkt mit den Krankenkassen abgerechnet werden sollen.

OTC‑Zugang zu PDE‑5‑Hemmern könnte Versorgung deutlich verbessern

Eine neue europaweite Studie zeigt, dass der rezeptfreie Zugang zu PDE‑5‑Hemmern wie Sildenafil die Versorgung von Männern mit erektiler Dysfunktion verbessert. In Ländern mit OTC‑Freigabe – etwa Norwegen und Polen – suchen mehr Betroffene zunächst eine Apotheke auf, werden häufiger an Ärzt:innen verwiesen und greifen deutlich seltener auf den Schwarzmarkt zurück. In Deutschland hingegen scheiterten bislang alle Versuche, PDE‑5‑Hemmer für die Selbstmedikation freizugeben, obwohl hier 59,7 % der Männer in der Studie Anzeichen einer erektilen Dysfunktion aufwiesen und rund 40 % der Betroffenen Medikamente über Schwarzmarkt‑Kanäle beziehen. Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass ein erleichterter Zugang über Apotheken nicht nur die Beratung verbessert, sondern auch frühzeitig Grunderkrankungen aufdecken kann. 

AMIRA fragt: Was denkst du darüber, wenn Potenzmittel wie Viagra & Co. künftig rezeptfrei erhältlich wären? Und andersherum: Wie stehst du dazu, dass die Minipille in Deutschland weiterhin verschreibungspflichtig bleibt – obwohl Frauen z. B. in Großbritannien sie bereits ohne Rezept über die Apotheke erhalten können? 

BfR warnt: Mykotoxine in Pflanzendrinks können besonders für Kinder ein Risiko darstellen

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat 162 Soja‑, Mandel‑ und Haferdrinks auf Mykotoxine untersucht und die gesundheitlichen Risiken – insbesondere für Kinder zwischen sechs Monaten und sechs Jahren – neu bewertet. Mykotoxine wie Aflatoxin B1, Ochratoxin A, Deoxynivalenol sowie T‑2/HT‑2‑Toxine können bei Schimmelpilzbefall von Rohstoffen entstehen und in verarbeitete Pflanzendrinks übergehen. Besonders kritisch fällt die Bewertung für Mandeldrinks aus: In 31 von 39 Proben wurde Aflatoxin B1 nachgewiesen, ein genotoxisches und krebserzeugendes Schimmelpilzgift, für das keine sichere Aufnahmemenge abgeleitet werden kann. Das BfR stuft das Risiko für Kinder deshalb als „mittel“ ein. Weniger bedenklich seien die in vielen Soja‑ und Mandeldrinks gefundenen geringen Mengen an Ochratoxin A, das jedoch ebenfalls potenziell krebserzeugend ist.

Haferdrinks zeigten häufiger Belastungen mit Deoxynivalenol sowie T‑2/HT‑2‑Toxinen, allerdings schätzt das BfR gesundheitliche Beeinträchtigungen durch deren Verzehr als „unwahrscheinlich“ bis „wenig wahrscheinlich“ ein. Neben Mykotoxinen prüfte das BfR auch andere Pflanzentoxine und fand nur in einem Sojadrink erhöhte Tropanalkaloide (Atropin und Scopolamin), die potenziell gesundheitsrelevant sein können. Insgesamt betont das Institut, dass Kinder aufgrund ihres höheren Lebensmittelkonsums pro Kilogramm Körpergewicht besonders empfindlich sind und empfiehlt eine abwechslungsreiche Ernährung sowie ein wachsames Auge auf Produktvielfalt und Herkunft. 

Vitamin D und Zahnimplantate: Neue Leitlinie empfiehlt individuelles Vorgehen statt Routine‑Tests

Eine neue wissenschaftliche Leitlinie, koordiniert von der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI) und der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, bewertet die Rolle von Vitamin D bei Zahnimplantaten neu. Zwar kann ein Vitamin‑D‑Mangel die Einheilung von Implantaten sowie die Knochenregeneration beeinträchtigen, doch die Gesamtdatenlage ist laut Expert:innen nicht eindeutig genug, um routinemäßige Vitamin‑D‑Screenings oder eine pauschale Supplementierung zu empfehlen. 

Etwa 30 % der Erwachsenen haben einen Vitamin‑D‑Mangel, in Wintermonaten sogar bis zu 50 %, besonders häufiger betroffen sind ältere Menschen – dennoch rät die Leitlinie nicht zu standardisierten Tests. Stattdessen empfehlen die Fachgesellschaften eine individuelle Einschätzung: Wenn die Krankengeschichte auf einen möglichen Mangel hindeutet oder bereits ein Defizit bekannt ist, kann eine gezielte Bestimmung des Vitamin‑D‑Spiegels sinnvoll sein.

Debatte um Minijob-Abschaffung: Weniger Netto und unklare Beschäftigungseffekte

Die aktuelle Diskussion über eine schrittweise Überführung von Minijobs in reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung würde laut Berechnungen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle die Nettoeinkommen von rund vier Millionen betroffenen Minijobberinnen und Minijobbern spürbar reduzieren, da zusätzliche Sozialversicherungsbeiträge von insgesamt etwa 4,5 Milliarden Euro im Jahr 2026 anfallen würden. Besonders für Branchen wie Apotheken, in denen viele Mitarbeitende – vor allem Frauen – in Minijobs tätig sind, hätte dies weitreichende Folgen: Einerseits könnten Arbeitsplätze wegfallen, andererseits entstünden Anreize für längere Arbeitszeiten, sodass die Gesamtauswirkungen unklar bleiben. 

Die derzeitige Geringfügigkeitsgrenze von 603 Euro monatlich, gekoppelt an den gestiegenen Mindestlohn, ermöglicht Minijobbern bislang steuer- und beitragsfreies Einkommen, das regulär Beschäftigte in dieser Form nicht erhalten; ein Wegfall dieses Modells würde diese finanzielle Entlastung abschmelzen. Angesichts der komplexen Lage und der breiten Betroffenheit – auch im Apothekenbereich – plädieren die Forschenden für einen Übergangszeitraum, damit sich Beschäftigte und Arbeitgeber schrittweise an die neuen Bedingungen anpassen können.

ABDA fordert Tempo: Die Apotheke der Zukunft darf nicht warten

In einem Gastbeitrag in Healthcare Marketing betont ABDA‑Vizepräsidentin Dr. Ina Lucas die dringende Notwendigkeit, die geplanten Reformen für die „Apotheke der Zukunft“ zügig umzusetzen. Viele der bereits 2025 von der ABDA vorgeschlagenen Maßnahmen seien im aktuellen Reformpaket berücksichtigt – ein wichtiger Schritt, um die wohnortnahe Versorgung zu stärken und die Lotsenfunktion der Apotheken weiter auszubauen. Lucas erinnert daran, dass Apotheken als einzige Heilberufler ohne Termin und rund um die Uhr erreichbar sind und damit weit mehr leisten als ein „Add-on“. Angesichts überlasteter Arztpraxen fordert sie, Apothekenteams stärker einzubinden, etwa bei der verantwortungsvollen Abgabe bereits verordneter Arzneimittel sowie bei Impfungen und patientennahen Tests. Arzneimittel seien ein „besonderes Gut“, das Expertise erfordere – und genau deshalb müsse die Apotheke auch künftig zentraler Vertriebsweg bleiben.