Vom Kostenvoranschlags‑Irrsinn in den Wahnsinn

Rezept abgeben, Genehmigung abwarten – obwohl das Hilfsmittel im Regal liegt. Mit Pfand umgehen wir’s oft. Doch über 50 € wird’s kritisch, denn dann trifft die Bürokratie die Armen zuerst.

Dringlichkeit vs. Bürokratie 

Die Mutter steht nicht mit einem dramatischen Auftritt am HV. Sie steht einfach da – mit diesem Blick, der sagt: Bitte mach, dass es jetzt endlich einfacher wird. In der Hand ein Rezept für ein Hilfsmittel, das sie für ihr Kind nicht „irgendwann mal“ braucht, sondern heute. Und ich? Ich kann ihr erst einmal sagen: „Ja, haben wir da.“

Der Haken kommt erst danach. Der Haken heißt Kostenvoranschlag. Genehmigung. eKV. Und er ist so unerquicklich, dass man ihn am liebsten in die Schublade sperren würde, in der schon Bergriffe wie „Retax“ und „Lieferengpass“ liegen.

„Wir müssen das erst bei der Krankenkasse genehmigen lassen“, erkläre ich. „Das dauert meist ein bis drei Tage.“

Manchmal nickt dann jemand verständnisvoll. Viel öfter sehe ich aber wie bei ihr jetzt dieses kurze Einfrieren, weil das Hirn versucht, zwei Dinge gleichzeitig zu begreifen: Das Hilfsmittel ist da. Und trotzdem bekomme ich es nicht. Denn so läuft es bei uns nun mal: Wir nehmen das Rezept an, erklären die Situation und schicken die Genehmigungsunterlagen digital raus. Und dann warten wir. Auf ein „okay“, das im besten Fall schnell kommt und im schlechtesten Fall … sagen wir: irgendwann. „Genehmigungsvorbehalt“ klingt so harmlos, bis man ihn bei einem kranken Kind im Arm der Mutter unbarmherzig in der Kasse aufblinken sieht. 

Pfand – unsere Zwischenlösung

Damit der betroffene Patient nicht der Bürokratie ausgeliefert ist, haben wir uns etwas überlegt, das ich nur „Apotheken-Pragmatismus“ nenne: Bei Hilfsmitteln im bezahlbaren Bereich – so bis etwa 50 Euro – sagen wir oft: „Sie können es direkt mitnehmen, wenn Sie ein Pfand in Höhe der Kosten dalassen.“ Das ist kein offizielles System. Das ist Improvisation aus Anstand und Not.

Kommt die Genehmigung, gibt‘s das Pfand zurück und wir rechnen ganz normal ab. Kommt keine Genehmigung oder nur eine Teilerstattung, wird’s unerquicklich: Dann wird aus dem Pfand plötzlich das Hilfsmittel bezahlt, und der Patient bekommt keine Rückerstattung. Er muss dann entscheiden, ob er das mit der Krankenkasse diskutiert und Widerspruch einlegt. 

Wenn Armut das Hilfsmittel verzögert

Manche können sich diesen Zwischenschritt mit dem Pfand allerdings schlicht nicht leisten, und genau da kippt es. Denn das Modell funktioniert nur, wenn man das Geld erst mal hat. Wer es nicht hat, wartet. Und wer wartet, dem geht es nicht nur um eine Packung – dem geht es um Luft, Schlaf, Alltag, Entlastung. Die Armen müssen warten, die „Reichen“ werden sofort bedient. Und das ist das, was mich an diesem Kostenvoranschlags-Irrsinn am meisten wütend macht: Er trifft nicht alle gleich. Er trifft die, die sowieso schon am Limit sind.

Dazu kommt der nächste Wahnsinn: Jede Krankenkasse hat andere Vorgaben, andere Freigrenzen, andere Portale, andere Fallstricke. Manche verzichten bei bestimmten Summen oder Produktgruppen auf Genehmigungen – aber wenn im Datensystem etwas falsch hinterlegt ist, schicken Apotheken trotzdem Kostenvoranschläge, weil man sonst das Retax-Risiko wie ein Damokles-Schwert über sich hängen sieht. Und während wir klicken, prüfen, nachtelefonieren, fehlen uns Minuten für das, wofür wir eigentlich da sind: Inhalations-Technik zeigen. Masken anpassen. Eltern beruhigen. Warnzeichen erklären. Stattdessen: Bürokratiepflege.

Ein System, das ohne Notbrücken nicht funktioniert

Ich habe kürzlich eine Forderung gelesen, die so simpel ist, dass man sich fragt, warum sie nicht längst Standard ist: Hilfsmittel – mit Ausnahme bestimmter Pflegehilfsmittel – sollten ohne Kostenvoranschläge und ohne aufwändige Genehmigungsverfahren abgegeben werden dürfen, mit krankenkassenübergreifend festgelegten Preisen. Das würde nicht nur Apotheken entlasten. Es würde vor allem Patient:innen entlasten – und zwar gerecht.

Denn im Moment stehen wir zu oft zwischen Regal und Realität: Wir haben das Hilfsmittel da. Wir haben das Wissen da. Wir haben die Dringlichkeit direkt vor uns. Und trotzdem entscheidet am Ende ein digitales „Ja/Nein“, ob ein Kind schneller besser atmen kann. Manchmal denke ich: Wenn ein System nur funktioniert, weil wir es mit Pfand, Geduld und Bauchgefühl überbrücken – dann ist nicht die Apotheke das Problem, dann ist es das System.

 

AMIRA fragt: Wie erlebst du den Kostenvoranschlags‑Wahnsinn in deiner Apotheke – als Mitarbeitende:r oder als Patient:in? Schreibe deine Erfahrungen in die Kommentare!