Na toll: Politik entscheidet, Apotheken baden aus
Steigende Zuzahlungen sollen die Kassen retten. Währenddessen stehen die Apotheken als Geldeintreiber da und halten den Kopf wieder für politische Entscheidungen hin, findet die Apothekenspitzel:in.
Morgens, Kaffee, schlechte Nachrichten
„Hast du das schon gesehen?“, fragte meine Kollegin und hielt mir ihr Handy hin, noch bevor ich den ersten Kaffee ausgetrunken hatte.
Ich sah auf die Schlagzeile und seufzte. Natürlich. Die Zuzahlungen sollen steigen. Aus den bisherigen 5 bis 10 Euro sollen 7,50 bis 15 Euro werden. Die Finanzkommission hatte das schon vorgeschlagen, und im aktuellen Referentenentwurf des Bundesgesundheitsministeriums steht es nun schwarz auf weiß. Sogar dynamisiert werden soll das Ganze künftig noch. Als hätte man sich gedacht: Wenn wir schon zulangen, dann bitte mit System.
„Wen trifft das denn wieder zuerst?“, fragte meine Kollegin, obwohl wir beide die Antwort längst kannten.
Warum es wieder die Falschen trifft
Natürlich nicht die Leute, die einmal im Jahr mit einem Antibiotikum hereinschlendern und ansonsten nie ein Rezept in der Hand haben. Es trifft die, die regelmäßig kommen. Die mit den drei Dauermedikamenten, dem Blutdruck, dem Diabetes, dem Rheuma und der Schublade voller Befreiungsanträge, Quittungen und Arztterminen. Es trifft insbesondere die alten Menschen, die chronisch Kranken. Diejenigen also, bei denen Gesundheit ohnehin schon teuer genug ist. Es kostet sie nicht nur Geld, sondern auch Nerven, Zeit und Kraft. Und ausgerechnet denen erklärt man jetzt wieder, dass sie eben „einen Beitrag leisten“ sollen.
Die ehrliche Debatte, die niemand führen will
„Mir wäre ja etwas anderes eingefallen“, sagte ich und stellte meine Tasse ab. „Zum Beispiel die Mehrwertsteuer auf Arzneimittel runterzuschrauben.“
Meine Kollegin nickte sofort. Deutschland liegt bei Arzneimitteln bekanntlich beim regulären Umsatzsteuersatz von 19 Prozent und damit im EU-Vergleich ziemlich weit oben. Selbst die Finanzkommission schreibt, dass eine Senkung die Kostenträger entlasten würde, also auch die gesetzlichen Krankenkassen. Politisch ist das natürlich komplizierter, weil die Mindereinnahmen dann an anderer Stelle in den öffentlichen Haushalten fehlen würden, und genau deshalb spricht die Kommission am Ende auch keine Empfehlung dafür aus. Aber vom Gefühl her wäre es trotzdem die deutlich ehrlichere Debatte gewesen: Kosten anders verteilen, statt sie wieder am HV-Tisch bei denen einzusammeln, die gerade ihre Medikamente brauchen.
Warum wir die Buhleute sind
Denn dort landen solche Ideen am Ende immer. Bei uns. In der Apotheke. Zwischen E-Rezept, Lieferengpass und der Frage, ob die Tabletten jetzt vor oder nach dem Essen genommen werden.
„Das Beste ist ja“, sagte meine Kollegin, „dass die Leute wieder denken werden, wir verdienen daran.“
Und genau das ist der Punkt, der mich jedes Mal so zuverlässig auf Betriebstemperatur bringt. Wir stehen da, strecken die Hand aus, kassieren das Geld, erklären die Regeln, fangen den Ärger auf und am Ende glauben viele ernsthaft, das wandere irgendwie in unsere Kasse. Tut es aber nicht. Im Referentenentwurf steht zusätzlich sogar ausdrücklich, dass die Zuzahlungen von der Apotheke quittiert und eingezogen werden sollen, dafür aber kein Vergütungsanspruch besteht. Anders gesagt: Wir dürfen die unangenehme Arbeit machen, aber bitte kostenlos.
Ich finde ja, man müsste das einmal auf ein Schild drucken und an jede Kasse hängen: Nein, wir behalten Ihre Zuzahlung nicht. Nein, wir haben uns das nicht ausgedacht. Nein, wir freuen uns nicht darüber.
Die lachenden Dritten
Meine Kollegin schnaubte dann noch trocken. „Und die Versender stehen bestimmt schon in den Startlöchern.“
Natürlich tun sie das. Genau davor warnt inzwischen auch die ABDA: Höhere Zuzahlungen dürften den Versandapotheken zusätzlichen Zulauf bringen. Versender werben bereits wieder damit, die Zuzahlung zu übernehmen oder Kundinnen und Kunden „zuzahlungsbefreit“ zu stellen. Das ist der ganz besondere Irrsinn dieser Debatte: Vor-Ort-Apotheken sammeln pflichtbewusst das Geld für die Kassen ein und stehen dann als Abkassierer da, während anderswo mit dem Erlass genau dieser Beträge um Kundschaft geworben wird. Die dürfen das, wir nicht. Ich wappne mich schon mal innerlich für die aufkommenden Diskussionen mit den Kunden ...
Politik, ganz nah – und doch so fern
Wir stehen wieder mal nur daneben, reichen das Kartenlesegerät rüber und dürfen erleben, wie Politik am HV-Tisch plötzlich sehr persönlich wird. Ich als Apothekenmitarbeiterin weiß es leider nur zu gut: Die Hand, die das Geld empfängt, ist selten am Arm der Entscheider. Aber sie gehört leider zu dem, der am Ende den Ärger abbekommt.