Wer braucht noch Ärzte?
Was die KV Hessen über Apotheken sagt, bringt die Apothekenspitzel:in auf die Palme: Zwischen Gummibärchen-Klischees und Drogerie-Fantasien bleibt für echte Pharmazie kaum Platz. Sie fragt sich, was das Ganze soll.
Als ich kürzlich die Schlagzeilen bekannter Fachmedien gelesen habe, kam erst das Stirnrunzeln, dann dieses Gefühl von „Das können die doch nicht ernst meinen“. Also habe ich mich hingesetzt und die Pressemitteilung der KV Hessen gesucht. Denn schließlich wollte ich alles aus erster Hand erfahren. Und ja, sie meinen es ernst.
„Pharmazeutische Verkaufsstellen“ – wirklich jetzt?
Apotheken sind laut KV Hessen vor allem „pharmazeutische Verkaufsstellen“, in denen zu 95 % Fertigarzneimittel abgegeben werden. Und echte Pharmazie? Die finde angeblich „kaum noch statt“.
Ich musste das zweimal lesen. Und dann ein drittes Mal.
Natürlich: Verkaufen gehört dazu. Arzneimittel fallen nämlich nicht vom Himmel direkt in die Hand der Patient:innen. Aber wer Apotheke ernsthaft auf diesen Akt reduziert, hat entweder noch nie eine von innen gesehen oder blendet sehr bewusst aus, was dort passiert.
Denn zwischen Rezept und Packung liegt mehr als ein Scanner-Piep: Wechselwirkungschecks, Dosierungsanpassungen, Rückfragen beim Arzt, Medikationsanalysen, Beratung, Nebenwirkungsmanagement. Und ja, auch das unangenehme Gespräch, wenn etwas schlicht nicht passt.
Aber klar. Gummibärchen.
Gummibärchen als Geschäftsmodell?
Die KV Hessen meint ernsthaft, Apotheken würden sich „vorrangig über den Beiverkauf von Gummibärchen und Kosmetika“ finanzieren. Ich überlege kurz: Soll ich lachen oder weinen?
Die Realität: Apotheken sichern täglich die Arzneimitteltherapiesicherheit. Sie gleichen Lieferengpässe aus, improvisieren, dokumentieren, erklären, beruhigen. Sie sind oft die erste Anlaufstelle, wenn es irgendwo im System hakt. Und davon gibt es derzeit genug.
Aber im Narrativ der KV bleibt hängen: ein paar Bonbons nebenbei verkaufen, das wird’s schon sein. Ich frage mich ernsthaft: Ist das Unkenntnis oder Kalkül?
Drogerie statt Pharmazie? Gute Nacht.
Mein persönliches Highlight: Die Idee, Arzneimittel künftig über Abgabestellen in Drogeriemärkten zu verteilen. Personal könnte man ja schulen, sagt die KV gleich dazu.
Natürlich. Weil eine kurze Schulung exakt das ersetzt, wofür andere Menschen jahrelang studieren, Staatsexamina absolvieren und Verantwortung übernehmen. Warum eigentlich nicht gleich den nächsten Schritt gehen? Zahnbehandlung beim Friseur, Röntgen im Copyshop, Herzkatheter im Baumarkt – mit Einweisung, versteht sich.
Arzneimittel sind keine Shampoo-Regale. Und Beratung ist keine Zusatzoption, die man bei Bedarf dazubucht. Sie ist integraler Bestandteil der Versorgung. Punkt.
Wozu das Ganze?
Die KV spricht von einem „Milliardensparpotential“ und davon, Apotheken weitgehend überflüssig zu machen: eine Regionalapotheke pro 250.000 Einwohner, Fahrdienst inklusive. Das klingt effizient, zumindest auf dem Papier. In der Realität klingt es nach Ausdünnung. Nach Versorgung aus der Distanz. Nach: Hoffentlich passt die Medikation, sonst fährt der Kurier nochmal.
Und ich frage mich: Was soll diese Pressemitteilung eigentlich bringen? Einen ernsthaften Beitrag zur Versorgungsdebatte? Oder einfach nur maximalen Druck, maximale Aufmerksamkeit und maximalen Gegenwind?
Augenhöhe statt Abwertung
Ich sage es, wie es ist: Diese Art der Kommunikation ist kein Dialog. Das ist ein Schlagabtausch mit dem Vorschlaghammer. Dabei wäre die Ausgangslage eigentlich klar: Ärzt:innen und Apotheker:innen verfolgen dasselbe Ziel, nämlich die bestmögliche Versorgung der Patient:innen. Dafür braucht es Zusammenarbeit, keine gegenseitige Demontage.
Vielleicht sollten wir die Frage einfach umdrehen, ganz im Sinne dieser Kolumne:
Wenn Apotheken nur Verkaufsstellen sind und Drogerien das auch können, wer braucht dann noch Ärzt:innen, wenn Apps Rezepte ausstellen? Die KI kann doch auch Anamnesen durchführen, Diagnosen erstellen und Therapien verordnen. Dr. Google ist den Patient:innen ohnehin sehr vertraut. So ließen sich doch auch Milliarden einsparen, oder?
Ich hätte da einen anderen Vorschlag: Weniger Provokation, mehr Realitätssinn. Weniger Gummibärchen-Rhetorik, mehr Anerkennung dessen, was täglich geleistet wird. Und vor allem: Gespräche auf Augenhöhe statt Kindergarten-Niveau.