Der Ärger mit dem blauen Dunst
Raucherpause oder ungerechte Extrawurst? In vielen Apothekenteams sorgt das Thema für Streit. Die Apothekenspitzel:in blickt auf einen Konflikt, den fast jeder kennt.
Rauchzeichen vor der Apotheke
Es ist 11:17 Uhr. Vor der Apotheke stehen zwei PTA in weißen Kitteln. Eine Zigarette links, ein Kaffee rechts. Sie lachen. Kurz wirkt alles friedlich. Drinnen räumt derweil eine Kollegin alleine die Ware ein, eine andere beantwortet drei Telefonate hintereinander und versucht nebenbei, einem Kunden den Unterschied zwischen ASS und ASS protect zu erklären.
Als die Tür aufgeht und eine der Raucherinnen wieder hereinkommt, fällt der Satz, der in deutschen Apotheken vermutlich häufiger mal zu hören ist: „Na, wieder schöne Extrapausen gemacht, während wir gearbeitet haben?“ Manchmal wird er auch nicht immer ausgeprochen, dann denkt sich jeder seinen Teil.
Wenn Raucherpausen für Reibungen sorgen
Es folgt erst betretenes Schweigen, dann ein Augenrollen. Dann die übliche Replik: „Du sitzt dafür ständig auf dem Klo und trinkst sechs Kaffee am Tag.“ Und an die andere Kollegin gerichtet: „Du schaust außerdem dauernd aufs Handy, das ist auch keine Arbeitszeit! Andere gehen halt rauchen, ich brauch eben frische Luft.“
Willkommen beim vielleicht unerquicklichsten Dauerkonflikt deutscher Teams: Raucherpausen (nicht nur in der Apotheke!). Ein Thema, das zuverlässig schlechte Stimmung erzeugt, fast so zuverlässig wie die Frage, wer die Sichtwahl putzt oder sich um die Fertigarzneimittelprüfung kümmert.
Die Fronten sind erstaunlich klar verteilt: Die Nichtraucher:innen fühlen sich benachteiligt, denn wenn eine Kollegin sechs Mal täglich für fünf Minuten verschwindet, sammelt sie übers Jahr gerechnet erstaunlich viele „Frischluftminuten“. Die Raucher:innen dagegen fühlen sich oft moralisch verurteilt, denn viele erleben ihre Zigarette nicht als Luxus, sondern als notwendige kurze Entlastung in einem oft ziemlich anstrengenden Arbeitsalltag.
Die Apothekenleitung als Schiedsrichter
Und irgendwo dazwischen steht die Apothekenleitung und hofft, dass niemand kündigt. Besonders spannend wird es, wenn angefangen wird zu rechnen. „Sie war heute schon viermal draußen.“ „Dafür warst du gestern insgesamt 25 Minuten auf TikTok.“ „Du machst jeden Morgen erst mal Frühstückspause.“ „Du brauchst für jeden Teeaufguss zehn Minuten.“
Plötzlich wird alles dokumentiert wie in einer kriminalistischen Ermittlung. Jeder Toilettengang ein potenzieller Skandal, jeder Kaffee ein Angriff auf die Teamgerechtigkeit. Manche Teams führen irgendwann Strichlisten. Kein Witz. Das eigentliche Problem ist dabei oft gar nicht die Zigarette, sondern das Gefühl, dass Regeln unterschiedlich gelten.
Denn die Wahrheit ist: Fast jeder macht kleine Unterbrechungen im Arbeitsalltag. Die einen rauchen. Die anderen scrollen kurz durchs Handy. Wieder andere brauchen zehn Minuten Gespräch an der Kaffeemaschine, um seelisch stabil zu bleiben. Nur riecht Kaffee eben weniger provokant. Natürlich gibt es auch die Extremfälle. Menschen, die gefühlt halbe Schichten vor der Tür verbringen. Ebenso wie diejenigen, die ihre private Steuererklärung während der Arbeitszeit erledigen. Beides sorgt selten für Harmonie.
Es geht um Fairness
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Sind Raucherpausen erlaubt?“, sondern: Wie schafft man Fairness, ohne ein Team gegeneinander aufzubringen? Ein kluger Apothekeninhaber hat mir einmal gesagt: „Sobald Mitarbeitende anfangen, gegenseitig Minuten zu zählen, hat man eigentlich schon verloren.“ Und wahrscheinlich hat er recht, denn gute Teams funktionieren nicht über Stoppuhren. Sondern über Vertrauen und über klare Regeln.
Die Lösung ist oft erstaunlich unromantisch: einheitliche Pausenregelungen – transparent und für alle gleich. Zum Beispiel: Kurze zusätzliche Pausen ja – aber für alle Mitarbeitenden, unabhängig vom Rauchen. Wer raus will, darf raus. Wer kurz durchschnaufen möchte, ebenfalls. Ohne Rechtfertigung und ohne moralische Wertung. Denn manchmal braucht man tatsächlich einfach fünf Minuten Abstand von Rabattverträgen, Lieferengpässen und Kunden, die „nur ganz kurz“ eine halbe Stunde Beratung möchten.
Verschnaufpause ja, Drückebergerei nein
Gleichzeitig braucht es aber auch Grenzen. Wenn Einzelne dauerhaft verschwinden und andere die Arbeit auffangen müssen, kippt die Stimmung in jedem Team irgendwann. Und vielleicht wäre es ohnehin ehrlicher, mit dem Mythos aufzuräumen, dass nur Raucher Pausen machen. Die Wahrheit ist: Der Mensch ist keine Maschine. Nicht in der Apotheke und auch sonst nirgendwo.
Die einen inhalieren Nikotin, die anderen trinken Koffein. Wieder andere scrollen durch das Handy oder setzen sich fünf Minuten auf die Toilette, um einfach mal schnell die Augen zu schließen und Ruhe zu haben. Wieder andere quatschen sich ihren privaten Frust bei Kolleg:innen oder Kund:innen von der Seele. Am Ende wollen vermutlich alle dasselbe: Kurz mal durchatmen und irgendwie heil durch den Tag kommen.