Apothekerin vs. PTA: Warum der Protesttag zwei Wahrheiten hat
Eine Apotheke, zwei Kolleginnen, ein Protesttag – und jede Menge Wut. Denn was, wenn man für bessere Bedingungen kämpfen soll, sich selbst aber nicht vertreten fühlt?
Der 23. März – Streik mit Bauchschmerzen?
Am Donnerstag stand ich am HV und sortierte die liegengebliebenen Rezepte, während hinten im Backoffice diskutiert wurde. Der Chef hatte um eine interne Abstimmung gebeten ob wir am Apotheken-Protesttag, den 23. März, die Apotheke geschlossen lassen, um ein Zeichen zu setzen, oder öffnen, weil die Leute ihre Medikamente brauchen. Eine einfache Frage, dachte ich zuerst. Bis ich merkte, dass einfache Fragen in Apotheken fast nie einfache Antworten haben.
Die Sicht der Apothekerin
„Wir müssen schließen“, hörte ich Ute, eine Apothekerin, sagen. „Sonst merkt doch wieder niemand, wie ernst es ist. Wenn wir immer nur still und höflich vor uns hinleiden, wird unser Schweigen für Stabilität gehalten.“ Sie hat ja Recht – zu viele Retaxationen, zu viele Lieferengpässe, zu viele Kundinnen, die glauben, wir hätten dieses System erfunden, das sie jeden zweiten Tag im Stich lässt.
Dann kam ihr eigentliches Ärgernis. Nicht die Politik, sondern die Kollegenschaft. „Ich kann diese Apotheken nicht leiden, die an Protesttagen öffnen, als ginge es um einen verkaufsoffenen Sonntag. Die verdienen an denen mit, die für bessere Bedingungen für alle auf die Straße gehen.“ Sie schnaubte. „Der Apotheker ist des Apothekers schlimmster Feind. Da will ich nicht dazugehören.“
Die Sicht der PTA
Unsere PTA Birgit lehnte am Kühlschrank, die Arme verschränkt. „Für mehr Geld für Apotheken? Da streike ich sofort“, sagte sie. „Für bessere Bedingungen? Auch. Aber ich soll für Leute mitstreiken, die mir gleichzeitig erklären, ich sei ein Risiko? Ohne mich!“ Dann fiel der Name, der seit Monaten viele Teams entzweit: Thomas Preis. Seine Aussagen zur PTA-Vertretung: Sinkende Beratungsqualität und größere Gefahren für die Patienten. Die alte Botschaft zwischen den Zeilen: Im Zweifel traut man ihnen nicht. Das empfanden viele PTAs als respektlos und realitätsfern. „Wir halten diesen Laden mit am Laufen“, sagte Birgit, jetzt wirklich wütend. „Und wenn es politisch ernst wird, sind wir plötzlich das Problem.“
Es war kein kindischer Trotz. „PTA machen im Alltag immer alles, werden aber direkt in Frage gestellt, sobald es um Verantwortung geht. Wer uns jahrelang selbstverantwortlich arbeiten lässt solange es nicht offiziell festgehalten wird, sollte uns nicht vor aller Welt kleinreden.” Die Apothekerin wurde leiser: „Darum geht es mir doch gar nicht“, sagte sie. „Ich weiß, was du kannst. Aber wenn wir öffnen, machen wir es der Politik zu leicht. Dann heißt es wieder: Seht ihr, es läuft doch irgendwie.“ Sie meinte das ganze System, das sich seit Jahren darauf verlässt, dass irgendwer es schon noch aus Idealismus zusammenhält.
Die große Frage: Wer hat Recht?
Und genau da lag das Problem. Beide hatten recht. Die eine wollte der Politik endlich die Bequemlichkeit nehmen, sich auf unsere Opferbereitschaft zu verlassen. Die andere wollte nicht für eine Standesführung Flagge zeigen, die ihre eigene Berufsgruppe öffentlich herabsetzt. Die eine dachte an das Überleben der Apotheke. Die andere an die Würde der Menschen darin.
Dazu kamen die Kundinnen und Kunden, die von all dem nichts wissen wollen, weil ihre Not eine andere ist. Das Antibiotikum. Der Inhalator. Das Fiebersaftrezept für ein krankes Kind. Und natürlich stimmt auch das: Wer vor verschlossener Tür steht, wartet nicht immer geduldig auf politische Einsicht. Manche klicken dann beim nächsten Mal einfach online. Manche glauben, Protest sei bloß Unbequemlichkeit. Solche Einwände tauchen auch in der aktuellen Debatte auf, in der manche Inhaber den Nutzen des Protesttags bezweifeln oder die Motivation in der Branche als verhalten beschreiben.
Aufmachen oder zulassen – eine Gewissenentscheidung
Später, als es wieder still war, dachte ich: Vielleicht ist genau das unser Dilemma. Dass in der Apotheke nie nur eine Wahrheit gleichzeitig Platz hat. Dass man für einen Protest sein kann und gegen seine Tonlage. Am Ende streiten wir vielleicht gar nicht darüber, ob uns die Apotheke wichtig ist. Sondern darüber, was man ihr gerade am meisten schuldet: Geschlossenheit nach außen oder Respekt nach innen. Vielleicht ist die ehrlichste Antwort die unbequemste: beides. Denn eine Apotheke, die wirtschaftlich ausblutet, kann niemanden versorgen. Aber eine Apotheke, in der Menschen sich entwertet fühlen, verliert etwas, das genauso existenziell ist – ihr eigenes Fundament.