Hoffnung – zur Zeit nicht lieferbar

Sparpolitik, Jobverlust, Apothekensterben: Überall schlechte Nachrichten, auch im HV wird die Stimmung düsterer. Die Apothekenspitzel:in ist trotzdem dankbar, ihr fehlt aber langsam die Kraft fürs Dauerkrisen-Update.

Das mulmige Gefühl zwischen Kasse und Kopf 

Manchmal stehe ich im HV, scanne Packungen, lächle routiniert und denke gleichzeitig: Was passiert hier eigentlich gerade mit uns allen? 

Es ist nicht ein großes Ereignis, das mich bedrückt. Es ist dieses konstante HintergrundrauschenWirtschaft schwächelt, Preise steigen, Leute verlieren ihre Jobs. Und wir stehen mittendrin, mit unseren kleinen Beratungsgesprächen zwischen Nasenspray und Blutdrucktabletten, und hören plötzlich ganz andere Geschichten. 

Nicht laut, nicht dramatisch. Eher so nebenbei. 

„Ich bin gerade arbeitslos.“ 

„Mein Sohn sucht seit Monaten einen Job.“ 

„Bei uns wird wieder abgebaut.“ 

Manchmal reicht ein Satz und die Stimmung kippt. 

Apotheke: stabilaber wackelig 

Und dann diese andere Ebene: unsere eigene. 

Ja, ich habe einen Job. Und ich weiß inzwischen, wie viel das wert ist. Wirklich. Ich bin froh, jeden Tag hierherzukommen, zu wissen, was ich mache, gebraucht zu werden. Das fühlt sich heutzutage nicht mehr selbstverständlich an. 

Denn auch bei uns ist längst nicht mehr alles stabil. Apothekenschließungen sind kein abstrakter Begriff mehr. Man kennt plötzlich jemanden. Oder gleich mehrere. Kolleg:innen, die sich neu orientieren müssen. Teams, die auseinandergehen. Inhaber:innen, die aufgeben, weil es sich einfach nicht mehr rechnet. Das „Apothekensterben“ klingt immer so technisch, so weit weg. Aber es hat GesichterStimmen und Lebensläufe. 

Und manchmal frage ich mich: Wie lange geht das noch gut? 

Wenn die Nachrichten selber krank machen 

Ich habe gemerkt, dass ich mein Verhalten geändert habe. Früher habe ich morgens Nachrichten gelesen. Jetzt denke ich oft: Lieber nicht. 

Krankenkassen haben kein Geld. Die Bundesregierung will irgendwo kürzenbeim Elterngeld, bei Familien, bei irgendetwas, das schon jetzt knapp ist. Überall heißt es: sparen, streichen, zusammenreißen. Und ich sitze da und denke: Wer hält das eigentlich alles aus? 

Ich habe ehrlich gesagt immer seltener Lust, mein Handy in die Hand zu nehmen oder den Fernseher anzuschalten. Es fühlt sich an wie eine Dauerbeschallung mit schlechten Diagnosenaber ohne Therapieplan. 

Vielleicht ist das mein Selbstschutz. Eine Art mentaler Beipackzettel: „Bei Überdosierung von Nachrichten bitte Anwendung reduzieren.“ 

Zwischen Dankbarkeit und Daueranspannung 

Was mich am meisten beschäftigt: diese Mischung aus Dankbarkeit und Anspannung. Ich bin froh, dass ich einen Arbeitsplatz habe. Aber gleichzeitig merke ich, wie sich diese diffuse Unsicherheit festsetzt. Nicht laut, nicht panisch, eher wie so ein permanentes Grundrauschen im Körper. 

Auch im Team spürt man das. Gespräche sind anders geworden. Mehr „Was wäre, wenn…“. Mehr „Hast du gehört…?“. Weniger Leichtigkeit. 

Und dann steht da wieder jemand am HV, erzählt von der Kündigung und ich merke, wie schwer es ist, die richtige Mischung zu finden: professionell bleiben, zuhören, vielleicht trösten, und gleichzeitig die eigene Unsicherheit nicht nach außen tragen. 

Was bleibt? 

Vielleicht ist das gerade der ehrlichste Status: Es ist nicht alles schlecht. Aber es fühlt sich auch nicht gut an. Wir funktionieren, beraten, sind da. Aber im Hintergrund läuft ein anderes Programm: ZweifelUnsicherheit, Müdigkeit. 

Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – halte ich mich an den kleinen Dingen fest. Ein gutes Gespräch, ein Dankeschön oder ein Moment, in dem jemand wirklich geholfen wurde. 

Das ist kein Allheilmittel, aber vielleicht so etwas wie meine tägliche Dosis Stabilität. Und bis sich die große Lage beruhigt, bleibt uns wahrscheinlich genau das: weiterarbeiten, zusammenhalten und ab und zu einfach das Handy weglegen.