Apotheke ohne Hindernisse (fast)
Die Apothekenspitzel:in weiß: Barrierefreiheit endet nicht an der Schiebetür. Die größten Hürden stehen plötzlich vor dem HV-Tisch – sie hören nichts, verstehen wenig oder wollen im Zweifel den Verhütungsring essen.
Laut der Apothekenbetriebsordnung soll die Offizin einer Apotheke barrierefrei zugänglich sein, damit Menschen mit Behinderungen die Verkaufsräume ohne Probleme erreichen können. Unsere Apotheke in einem Dorf in Bayern ist das definitiv. Eine breite Schiebetür öffnet sich automatisch, wenn eine Lichtschranke durchschritten wird, und kündigt die Eintretenden sogar mit einem lauten Gong zuverlässig an, sodass unsere Kund:innen sofort bedient werden können.
Barrieren kommen selten allein
Dennoch haben wir immer wieder mit Barrieren zu kämpfen. Manchmal kommen die Barrieren nämlich zu uns und wir müssen irgendwie praktikable Lösungen finden.
Neulich kam mein Kollege Michael mit einer heiseren, krächzenden Stimme zur Arbeit. Mein „Oh je!“ kommentierte er nur mit einem: „Ach, mir geht’s gut! Bin nur ein bisschen heiser!“ Das stimmte so lange, bis unsere Stammkundin Frau Meier mit zwei Verordnungen kam. Auf seine Hinweise zur Dosierung erwiderte sie lautstark: „Junger Mann, Sie müssen schon ein bisschen lauter sprechen, ich habe meine Hörgeräte zu Hause vergessen!“
Mein heiserer Kollege gab sein Bestes – beziehungsweise Lautestes –, aber bei Frau Meier kam nichts an. Hilfesuchend rief sie durch die Offizin: „Was hat der gesagt? Ich hör so schlecht?!“
Wenn weder Hören noch Sehen hilft
Die Versuche, Einnahmehinweise auf einen Zettel zu schreiben, waren ebenfalls wirkungslos, da Frau Meier ihre Lesebrille auch vergessen hatte. Diese war (natürlich) zu Hause beim Hörgerät. Ich bat meine Kundin um einen Moment Geduld, eilte meinem Kollegen zur Hilfe und versuchte mit lauter Stimme sowie mit Händen und Füßen, Frau Meier die Anwendung ihrer Medikamente zu erklären.
Kurze Zeit später kehrte ich zu meiner schmunzelnden Kundin zurück und wahrte natürlich wieder die Diskretion. Was will man machen? Wir haben eine Beratungspflicht und zwar in jeder Lautstärke!
„Ich eins essen!“ – bitte nicht
Getreu dem Motto „Schlimmer geht immer“ legte mir eine junge Asiatin ein Privatrezept über einen Verhütungsring vor. Ich holte das Präparat aus dem Kühlschrank und ging zur Kundin zurück. Auf meine Frage, ob die Frauenärztin mit ihr über die Anwendung gesprochen hat, entgegnete sie:
„Ich eins essen!“
Nachdem ich meine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle hatte, sagte ich entschieden:
„Nein, bitte nicht! Das ist ein Verhütungsring!“ Auf meine Fragen „Do you speak English?“ oder „Parlez-vous français?“ kam nur: „Heute Abend ich essen!“
Oh nein, das funktioniert so nicht. Ich versuchte mithilfe von Piktogrammen aus dem Internet zu erklären, dass der Ring vaginal eingeführt werden muss, wurde aber nur fragend angeschaut.
Einen Joker hatte ich noch: Ich rief in der Frauenarztpraxis an.
Als ich der Sprechstundenhilfe die Situation schilderte, kam nur kleinlaut: „Oh, die Patientin sollte eigentlich ein Rezept über die Pille danach bekommen!“ Ups. Da haben wohl alle Beteiligten noch einmal Glück gehabt. Das hätte gründlich schiefgehen können, mit durchaus weitreichenden Konsequenzen.
Kreative Lösungen für echte Probleme
Doch das waren noch längst nicht alle Barrieren, die einem im Apothekenalltag begegnen. Der etwas tattrige Herr Sedlmeier betrat mit Gehstock die Apotheke und legte mir drei Rezepte vor. „Da müssen Sie schauen, die sind vom Augenarzt und von meinem Hausarzt!“
Auf meine Frage, ob er an den Augen operiert werden müsse, antwortete er nur:
„Ja, ich seh nämlich nichts!“ Nachdem ich drei verschiedene Augentropfen und die Schmerztropfen geholt hatte, gab er mir die Anweisung: „Fräulein, Sie schreiben es mir drauf, gell!“
Eigentlich süß, dass ich mit Mitte 40 noch als „Fräulein“ durchgehe. Nachdem ich das erste Dosieretikett angebracht hatte, sagte er: „Größer, Fräulein, größer!“
Das wird bei kleinen Augentropfenfläschchen schwierig. Daher packte ich jedes Fläschchen in eine Papiertüte, die ich mit schwarzem Filzstift gut lesbar beschriftete. Hoffentlich funktioniert das.
Auf meine Frage, ob ihm jemand beim Eintropfen helfen könne, versprach mir Herr Sedlmeier, seine Nachbarin zu bitten. Nur so konnte der Therapieplan eingehalten werden.
Auf meine letzte Frage, wie viele Tropfen er von den Schmerzmitteln nehmen müsse, antwortete er nur: „Ein paar halt! Ich seh die doch nicht!“ Das war mir dann doch zu ungenau. Ich gab ihm einen Pappbecher mit, in den er die Tropfen geben sollte. So kann er die Tropfen hören und mitzählen. Hören kann er nämlich noch gut, der Herr Sedlmeier.
Schlecht hören, schlecht sehen, kein Deutsch verstehen: Ja, wir tun alles, um unseren Kund:innen barrierefreie Apothekenräume zu bieten. Doch die größten Barrieren begegnen uns täglich im ganz normalen Apothekenalltag. Und genau diesen treten wir tatkräftig, kreativ, und manchmal auch mit einer Prise Humor, entgegen.
AMIRA fragt: Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht? Welche Barrieren begegnen dir im Apothekenalltag und welche kreativen Lösungen hast du gefunden? Teile deine Geschichten in den Kommentaren!