Die magische Tablette ist da
Die Abnehmspritze gibt’s jetzt auch als Tablette – und plötzlich weiß der halbe Freundeskreis Bescheid. Wird Abnehmen damit wirklich so einfach wie: schlucken, warten, Kilos weg?
„Du, diese neue Abnehmtablette – könnt ihr die schon bestellen?“ Die Nachricht kam von einer Freundin; am nächsten Morgen fragte meine Schwägerin, am Nachmittag ein Bekannter. Zwei Tage später wusste meine halbe Familie offenbar mehr über die Markteinführung von Wegovy als ich.
Laien mit pharmazeutischem Fachwissen
„Die sollte doch am 1. September kommen“, erklärte mir eine Freundin, die offensichtlich gut Bescheid wusste. Es gibt Arzneimittel, deren Markteinführung bemerkt außerhalb der Apotheke kaum jemand. Fragt einmal im Freundeskreis, welches neue Antihypertensivum gerade auf den Markt gekommen ist – Stille. Aber eine Tablette zum Abnehmen? Da entwickelt sich plötzlich pharmazeutisches Fachwissen in allen Bevölkerungsschichten. „Was kostet die? Und wie viel nimmt man damit ab? Bestimmt ordentlich, oder?“ Da war sie wieder: die große Hoffnung der Menschheit auf eine möglichst kleine Lösung.
Ich musste an eine Kundin denken, die vor rund zehn Jahren vor mir am HV stand. „Haben Sie irgendwas zum Abnehmen?“ Ich begann damals pflichtbewusst mit Ernährung, Bewegung und einer realistischen Gewichtsabnahme. Sie unterbrach mich. „Nein, nein. Ich brauche eine Tablette.“ „Was genau stellen Sie sich denn vor?“ „So zehn Kilo in den nächsten zwei Wochen“, war ihre Antwort. Rückblickend denke ich: Ihre Forderung bzw. ihr Wunsch war ohnehin unrealistisch und damals war oral verfügbares Insulin auch pharmazeutisch gar kein Thema.
Kontrolle ist alles
Man muss im Apothekenberuf lernen, sein Gesicht unter Kontrolle zu halten. Meines absolvierte in diesem Moment allerdings sämtliche fünf Phasen der Trauer: zehn Kilo, zwei Wochen, eine Tablette. Warum auch nicht? Das Konzept kennen wir schließlich aus vielen Bereichen der Medizin. Kopfschmerzen? Tablette. Sodbrennen? Tablette. Allergie? Tablette. Warum sollte sich dann ausgerechnet das Körpergewicht der bewährten Strategie Problem – Wasser – schlucken widersetzen?
Und nun kommt tatsächlich ein Wirkstoff, den inzwischen fast jeder kennt, als Tablette auf den Markt. Keine Spritze mehr, keine Nadel, einfach schlucken. Zumindest klingt es so. Ganz so unkompliziert ist es dann doch nicht. Die Semaglutid-Tablette wird einmal täglich genommen – nach mindestens acht Stunden Nüchternheit. Anschließend heißt es noch 30 Minuten warten, bevor gegessen, getrunken oder ein anderes Arzneimittel eingenommen wird.
Und natürlich ist Wegovy auch als Tablette kein Mittel für die drei Urlaubskilos, die seit Mallorca hartnäckig am Hosenbund sitzen. Zugelassen ist sie ausdrücklich zusätzlich zu kalorienreduzierter Ernährung und mehr körperlicher Aktivität und das ist ja der schwierige Teil. Den eigenen Alltag zu verändern, anders einzukaufen, anders zu essen, Gewohnheiten zu hinterfragen, sich mehr zu bewegen, obwohl Sofa und Streamingdienst sehr überzeugende Gegenargumente liefern.
Hier kannst du mehr rund ums Abnehmen nachlesen.
Zeiten ändern sich ...
Wir leben in einer bemerkenswerten Zeit. Über Jahrtausende bestand eines der größten menschlichen Probleme darin, genug Nahrung zu bekommen. Heute stehen wir vor Regalen voller Lebensmittel, fahren Rolltreppe statt Treppe und tragen Uhren, die uns daran erinnern müssen, dass wir uns seit einer Stunde nicht bewegt haben. Und dann entwickeln wir Arzneimittel, die uns dabei helfen sollen, mit den Folgen dieses Überangebots umzugehen. Das klingt herrlich absurd.
Nur darf man daraus nicht den ebenso bequemen Schluss ziehen, Adipositas sei schlicht die Folge mangelnder Disziplin. Dafür ist die Erkrankung viel zu komplex. Genetik, Stoffwechsel, psychische und soziale Faktoren, Medikamente und unsere Umwelt spielen mit hinein. „Einfach weniger essen“ ist deshalb ungefähr so hilfreich wie „einfach nicht traurig sein“ bei einer Depression. Eine wirksame medikamentöse Therapie kann für geeignete Patientinnen und Patienten ein echter Fortschritt sein.
Aber vielleicht liegt genau hier auch die Gefahr der neuen Tablette: eine Spritze sieht nach Therapie aus, eine Tablette nach Alltag. Und was alltäglich aussieht, wirkt schnell harmlos. „Dann ist das also praktisch die Abnehmspritze zum Schlucken?“, fragte meine Freundin. „Vereinfacht gesagt: ja.“ „Super! Dann brauche ich mich wenigstens nicht zu spritzen.“ „Du brauchst vor allem erst einmal einen Arzt.“
... doch manches bleibt immer gleich
Kurze Pause. „Ach so.“ Man konnte die Enttäuschung durch das Telefon hören. Verschreibungspflicht, Indikation, Nebenwirkungen, langfristige Behandlung, Lifestyleänderung. Alles Wörter, die bei der Vorstellung einer praktischen Abnehmtablette eher unwillkommen sind.
Meine Freundin gab trotzdem nicht auf. „Aber angenommen, ich bekäme die … wie schnell wären dann zehn Kilo drin?“ Ich musste lächeln. Manche pharmazeutischen Fragen ändern sich offenbar nie. Nur die Tabletten werden besser.