Der stille Kollege vor der Apotheke

Im Auslandsurlaub entdeckt die Apothekenspitzel:in einen Arzneimittelautomaten vor einer Apotheke. Praktische Idee oder Risiko? Denn eines kann auch der modernste Automat nicht: nachfragen.

Der Automat vor der Apotheke

Ich gebe es zu: Andere fotografieren im Urlaub Sonnenuntergänge oder Sehenswürdigkeiten, ich fotografiere Apotheken. Natürlich nicht jede. Aber wenn irgendwo auf der Welt eine Apotheke auftaucht, muss ich zumindest einmal hineinschauen. Berufskrankheit. Wahrscheinlich unheilbar.

So stand ich neulich im Urlaub vor einer Apotheke in Bulgarien. Eigentlich wollte ich nur kurz vorbeigehen, doch dann fiel mein Blick auf einen Automaten direkt neben dem Eingang. Nicht für Getränke oder für Fahrkarten konnte man dort kaufen, es war ein Arzneimittelautomat. Natürlich musste ich näher hin, denn mein innerer Apothekenspitzel war sofort hellwach. Ich begann zu schauen, was dort alles angeboten wurde.

Gutes und Zweifelhaftes auf engstem Raum

Ich sah Pflaster, Wunddesinfektion, Kochsalzlösung, Kontaktlinsenpflege, befeuchtende Augentropfen, Halspastillen und Babynahrung und nickte. Ehrlich gesagt: Das finde ich gar nicht schlecht. Wer sich nachts am Hotelpool schneidet, braucht keine ausführliche Beratung über die korrekte Anwendung eines Pflasters. Wer nach einem langen Flug trockene Augen hat, freut sich über befeuchtende Tropfen. Und wenn mitten in der Nacht die Säuglingsnahrung ausgeht, ist ein Automat vermutlich die bessere Alternative als ratlose Eltern.

Bis hierhin dachte ich: Gute Idee. Dann entdeckte ich weitere Produkte, nämlich bei uns apothekenpflichtige Arzneimittel. Und plötzlich wurde aus Neugier Nachdenklichkeit. Denn genau an dieser Stelle beginnt für mich der Unterschied zwischen Versorgung und Beratung. Natürlich kann ein Automat Medikamente ausgeben, aber er kann keine Fragen stellen.

Ein Automat denkt nicht mit

Er fragt nicht, warum der Durchfall eigentlich begonnen hat. Er erkennt nicht, dass hinter den Kopfschmerzen vielleicht die tägliche Einnahme von Schmerzmitteln steckt. Er merkt nicht, dass das abschwellende Nasenspray schon seit sechs Wochen benutzt wird. Und er runzelt auch nicht die Stirn, wenn jemand zum dritten Mal in derselben Woche Loperamid kauft, obwohl gerade eine Magen-Darm-Infektion die halbe Hotelanlage lahmlegt. Genau diese Fragen gehören aber zu unserem Alltag.

„Wie lange bestehen die Beschwerden?“ „Haben Sie Fieber?“ „Nehmen Sie noch andere Medikamente?“ „Wie lange haben Sie die Symptome bereits?“ „Ist das Nasenspray wirklich erst seit ein paar Tagen in Gebrauch?“ Manchmal verhindern genau diese Fragen, dass aus einer vermeintlichen Selbstmedikation ein echtes Problem wird.

Nicht jeder Kundenwunsch ist sinnvoll

Natürlich weiß ich auch, dass nicht jede Beratung spektakulär endet. Die meisten Menschen kaufen ihr Medikament, bedanken sich freundlich und gehen wieder. Die meisten Nasenspray-Dauerpatienten werden nicht damit aufhören, nur weil ich sie darauf aufmerksam mache, dass sie ihrer Nasenschleimhaut schaden, da mache ich mir gar keine Illusionen. Aber manchmal fällt eben doch etwas auf. Ein Warnsignal, eine Wechselwirkung, eine falsche Erwartung oder schlicht und einfach das falsche Arzneimittel.

Ein Automat kennt keine Zweifel. Er verkauft, nicht mehr und nicht weniger. Ich möchte nicht falsch verstanden werden, ich bin keineswegs gegen moderne Lösungen. Im Gegenteil. Ich finde es sinnvoll, wenn Menschen rund um die Uhr an Dinge kommen, die sie wirklich dringend brauchen. Pflaster werden häufig akut gebraucht und Verletzungen halten sich nicht an die üblichen Öffnungszeiten. Aber je größer das Risiko einer falschen Anwendung wird, desto wichtiger erscheint mir der Mensch hinter dem HV-Tisch. Nicht, weil wir alles besser wissen, sondern weil wir zuhören, nachfragen und einordnen können. Und manchmal auch freundlich sagen müssen: „Ich glaube, das ist heute nicht die beste Wahl.“

Wir kennen unsere Kundschaft

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen einem Automaten und einer Apotheke: Der Automat kennt seine Produkte und die Preise dafür, wir kennen Menschen, die diese Produkte kaufen möchten. Und ehrlich gesagt hoffe ich, dass das auch in Zukunft so bleibt.

Den Automaten in Bulgarien habe ich übrigens trotzdem fotografiert. Man weiß ja nie ... Vielleicht spitzele ich im nächsten Urlaub ja wieder, und schau mal nach, was sich an der Befüllung verändert hat. Berufskrankheiten verschwinden schließlich nicht einfach.