Telemedizin: Apotheken als Schweizer Taschenmesser
Die assistierte Telemedizin (aTM) ist gestartet. Eine gute Idee? Die Apothekenspitzel:in fragt sich, warum bei neuen Gesundheitsprojekten am Ende oft die Apotheke mit im Spiel ist.
Helfen bis der Arzt kommt
Vor einigen Tagen ist die assistierte Telemedizin offiziell gestartet. Seitdem dürfen Apotheken bestimmte telemedizinische Leistungen unterstützen. Das klingt zunächst nach Zukunft. Nach Digitalisierung. Nach moderner Versorgung. Und wer könnte schon etwas gegen moderne Versorgung haben? Zumindest dachte ich das, bis ich mir die ersten konkreten Gedanken dazu gemacht habe.
Wer kümmert sich darum?
Denn kaum war die neue Leistung da, tauchte im Team auch schon die entscheidende obligatorische Frage auf: „Und wer genau macht das jetzt?“ Neue Aufgaben beginnen in der Regel mit wohlklingenden Pressemitteilungen und enden irgendwann zwischen Rezeptur, Lieferengpassmanagement und der Frage, warum der Drucker schon wieder nur kryptische Zeichen ausspuckt.
Die Idee hinter der assistierten Telemedizin ist dabei durchaus nachvollziehbar. Menschen sollen schneller medizinischen Rat erhalten, Versorgungslücken sollen geschlossen werden und Wege sollen kürzer werden. Gerade dort, wo Arzttermine knapp sind, klingt das vernünftig – in der Theorie.
Wie es ablaufen wird
In meinem Kopf läuft allerdings eine etwas andere Szene ab. Oma Gisela kommt in die Apotheke, denn sie hat beim Hausarzt keinen Termin bekommen. Der Facharzt hat Wartezeiten bis zum übernächsten Quartal. Nun soll die Apotheke helfen. Das klingt erst einmal nach einer klassischen Aufgabe für uns, denn schließlich helfen wir ständig. Bei Arzneimitteln, Gesundheitsfragen, Problemen mit Inhalatoren, Blutzuckermessgeräten oder E-Rezepten.
Aber irgendwo zwischen „Wir helfen“ und „Wir betreiben eine telemedizinische Infrastruktur“ liegt ein kleiner Unterschied, denn plötzlich tauchen ganz neue Fragen auf: Wo findet das Gespräch statt? Welcher Raum wird genutzt? Wer erklärt die Technik? Wer hilft bei Verbindungsproblemen? Wer kümmert sich um Datenschutz, Netzwerke, Updates und all die Dinge, bei denen Apothekenteams normalerweise spätestens nach dem dritten Passwort die Geduld verlieren? Und natürlich die Frage aller Fragen: Wer bezahlt das am Ende wirklich?
Alles Unsinn oder was?
Versteht mich nicht falsch. Ich halte Telemedizin keineswegs für Unsinn, im Gegenteil! Sie kann für viele Menschen eine echte Erleichterung sein. Was ich allerdings noch nicht ganz verstanden habe, ist die Rolle der Apotheke dabei. Sind wir dann Gesundheitsdienstleister? Sind wir nur die Lotsen im Gesundheitssystem? Oder sind wir künftig eine Art besonders hochwertiges Internetcafé mit pharmazeutischem Beistand? Manchmal wirkt es, als sei die Apotheke die Antwort auf jede gesundheitspolitische Frage.
Zu wenig Ärzte? Apotheke. Zu lange Wartezeiten? Apotheke. Mehr Prävention? Apotheke. Zu wenig Impfungen? Apotheke. Digitalisierung im Gesundheitswesen? Natürlich Apotheke. Man klappt uns inzwischen auf wie ein Schweizer Taschenmesser. Für jedes Problem scheint noch eine weitere Funktion eingebaut werden zu können.
Mehr Personal: Woher soll es kommen?
Was dabei gelegentlich vergessen wird: Jede neue Aufgabe braucht Personal, Zeit sowie Organisation. Und genau diese Ressourcen wachsen leider nicht automatisch mit. Besonders interessant finde ich die Diskussion um die Ersteinschätzung. Denn eigentlich tun Apothekenteams genau das seit Jahrzehnten. Jeden Tag. Wir hören zu, wir stellen Fragen, wir erkennen Warnsignale, wir schicken Menschen zum Arzt oder im Zweifel direkt in die Notaufnahme.
Jetzt wird daraus ein strukturierter, digital unterstützter Prozess. Das kann sinnvoll sein, aber es wirft gleichzeitig die Frage auf, warum wir für die Dinge, die wir bislang selbstverständlich geleistet haben, plötzlich neue Technik, neue Formulare und neue Abläufe benötigen.
Ob das ein Erfolg wird?
Vielleicht wird die assistierte Telemedizin tatsächlich ein Erfolg. Vielleicht hilft sie vielen Patientinnen und Patienten. Das würde ich ihr wünschen. Vielleicht zeigt sich aber auch, dass die größte Herausforderung gar nicht die Technik ist, sondern die alte Erkenntnis, dass man jede neue Aufgabe nur einmal vergeben kann – und zwar an dieselben Menschen, die ohnehin schon versuchen, einen immer komplexeren Apothekenalltag zu bewältigen.
Bis dahin beobachte ich das Ganze mit Interesse und warte auf den ersten Kunden, der fragt: „Wo finde ich denn hier den Online-Arzt?“ Vermutlich direkt neben dem Kommissionierer. Da ist schließlich auch immer eine Schlange.