Ich packe meinen Koffer – und nehme (fast) alles mit

Die Reiseapotheke: irgendwo zwischen Vernunft und latentem Kontrollverlust – besonders bei der Apothekenspitzel:in. Denn sie weiß genau: Lässt man dieses eine Produkt zu Hause, wird es im Urlaub garantiert gebraucht.

Zwischen Fachwissen und Urlaubsparanoia

Es beginnt harmlos. „Nur das Nötigste“, denke ich, während ich vor dem Regal stehe und Schmerzmittel, Wundgel und Sonnenschutz einpacke. Doch dann meldet sich die innere Stimme:

Ein Mittel gegen Übelkeit schadet nie.

Elektrolyte sind im Sommer sinnvoll.

Ein Desinfektionsspray ist vernünftig.

Befeuchtende Halstabletten sind eine gute Idee.

Spätestens beim Griff zu verschiedenen Mitteln für dieselbe Indikation wird klar: Ich bin wieder mitten in meiner persönlichen Overpacking-Spirale.

Mitarbeiterpreis: Fluch und Segen 

Man könnte meinen, Fachwissen schützt vor Übertreibung. Tut es nicht. Es macht alles nur plausibler. Ich weiß nicht nur, was sinnvoll sein könnte – ich bekomme es auch günstiger. Diese Kombination führt dazu, dass meine Reiseapotheke eher an eine mobile Filiale erinnert.

„War ja nicht teuer“, rede ich mir ein, während ich Dinge einpacke, die vermutlich nie den Koffer verlassen werden. Dazu kommt: Als Mutter möchte ich für alle Eventualitäten gewappnet sein.

Theorie vs. Realität

Die ehrliche Wahrheit ist: Ich benutze im Urlaub meist genau drei Dinge: Sonnencreme, gelegentlich eine Schmerztablette und vielleicht ein Nasenspray für den Flug. Der Rest? Bleibt unangetastet. Sorgfältig sortiert, perfekt beschriftet mit Anbruchdatum und (meistens) völlig überflüssig.

Reisetabletten – obwohl ich keine Reiseübelkeit habe.

Halstabletten – bei 32 Grad eher unwahrscheinlich.

Mehrere Durchfallmittel – eine Sorte hätte gereicht.

Und doch bleibt dieses leise „Was wäre, wenn?“.

Der Klassiker: Genau das fehlt

Schnitt. Urlaub, Tag zwei: Genau das eine Produkt fehlt.

Plötzlich kratzt der Hals, der Magen meldet sich, die Haut reagiert.

Also ab in die Apotheke vor Ort. Schließlich bin ich vorbereitet, denke ich – zumindest fachlich.

Dort warten unbekannte Marken, ungewohnte Darreichungsformen und fragwürdige Geschmäcker. Ich suche Halstabletten mit Hyaluronsäure, vergeblich. Stattdessen pflanzliche Varianten, sehr süß und nicht ganz nach meinem Geschmack. Eine Wahl habe ich nicht. Nach ein paar Wochen habe ich dann zu Hause in Deutschland bemerkt, wie diese Halstabletten gebröckelt sind.

Meine Konsequenz: Im Ausland kaufe ich inzwischen am liebsten nur Schmerztabletten, da macht man wenig falsch.

Die eigentliche Funktion der Reiseapotheke

Vielleicht ist die Reiseapotheke gar nicht dafür da, vollumfänglich benutzt zu werden. Vielleicht ist sie ein emotionales Sicherheitsnetz in Reißverschlussform.

Ein Erlebnis hat das sicher verstärkt: Während einer Afrika-Rundreise bekam ich hartnäckigen Durchfall, den ich erst mit dem dritten Präparat in den Griff bekam. Seitdem packe ich lieber zu viel als zu wenig.

Für uns Apothekenmenschen ist die Reiseapotheke auch Ausdruck von Verantwortung. Wir wissen zu viel, um nur mit Zahnbürste und Badeanzug zu verreisen – und gleichzeitig, dass das meiste unnötig ist.

Mein neuer Ansatz

Ich versuche inzwischen, meine Reiseapotheke in zwei Kategorien zu gliedern:

Realistisch: das, was ich tatsächlich brauche.

Beruhigend: das, was ich einfach dabeihaben möchte.

Außerdem packe ich Medikamente nur in Mengen für etwa drei Tage ein. Danach kann man ärztlichen Rat einholen oder vor Ort nachkaufen. Große Packungen bleiben zu Hause.

Der Plan steht. Aber seien wir ehrlich: Wenn ich nächstes Jahr wieder vorm Regal und Koffer stehe und mir vornehme, „nur das Nötigste“ mitzunehmen, weiß ich jetzt schon, was passiert.

Ich werde wieder zu viel einpacken und ich werde es wieder völlig in Ordnung finden.