Longevity: Früher hieß das einfach vernünftig leben

Longevity ist plötzlich überall. Zwischen Social-Media-Gurus, Nahrungsergänzungsmitteln und Gesundheitsversprechen fragt sich die Apothekenspitzel:in: Was hilft wirklich beim gesunden Altern?

Alt werden war früher einfacher

Neulich habe ich beim Scrollen durch die sozialen Medien gelernt, dass ich offenbar dringend an meiner Longevity arbeiten muss. Seitdem weiß ich auch, dass ich falsch schlafe, falsch esse, falsch sitze, falsch trainiere und vermutlich sogar falsch atme. Zumindest behaupten das die Menschen, die mir täglich erklären möchten, wie ich 110 Jahre alt werde. Willkommen im Zeitalter der Longevity.

Wer das Wort in den vergangenen Monaten noch nicht gehört hat, besitzt entweder bemerkenswerte Selbstdisziplin bei der Nutzung sozialer Medien oder lebt in einer Hütte ohne Internetanschluss.

Was bedeutet Longevity überhaupt?

Longevity bedeutet übersetzt zunächst einmal nichts anderes als Langlebigkeit, und dagegen ist grundsätzlich ja wenig einzuwenden. Die meisten Menschen möchten schließlich nicht nur lange leben, sondern möglichst lange gesund bleiben.

Genau genommen ist das Thema auch gar nicht neu – früher nannte man es allerdings schnörkellos „Prävention“. Heute klingt es internationaler und offenbar deutlich besser vermarktbar. Was mich dabei zunehmend fasziniert: Auf einmal scheint jeder Longevity-Experte zu sein: Ärzt:innen, Apotheker:innen, Fitness-Coaches, Podcaster und Influencer. Auch Menschen, die gestern noch Immobilien verkauft oder Motivationsseminare angeboten haben, alle beschäftigen sich plötzlich mit gesundem Altern.

Wer profitiert vom Trend?

Natürlich gibt es darunter viele seriöse Fachleute, aber eben auch Menschen, die vor allem eines verkaufen möchten: Hoffnung, oder Nahrungsergänzungsmittel oder beides. Besonders beeindruckend finde ich die schiere Menge an Empfehlungen, denn gefühlt taucht jeden Tag eine neue Morgenroutine auf. Eisbäder, Rotlichtlampen, Fastenkuren, Atemtechniken, Schlaftracker, Spezielle Tees, Pilze, Pulver oder Kapseln.

Wenn ich alles umsetzen würde, was mir täglich empfohlen wird, hätte ich vermutlich tatsächlich keine Zeit mehr zum Altern. Dabei gerät manchmal in Vergessenheit, dass die Grundlagen erstaunlich langweilig sind:

  • nicht rauchen
  • ausgewogen essen
  • ausreichend bewegen
  • genug schlafen.
  • Stress reduzieren.
  • Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen.

 

Das klingt natürlich deutlich weniger spektakulär als „Biohacking der mitochondrialen Zellgesundheit“, hat aber den kleinen Vorteil, dass es wissenschaftlich ziemlich gut belegt ist.

Was hat das mit der Apotheke zu tun?

In der Apotheke begegnet uns das Thema inzwischen regelmäßig. Da ist der Kunde, der nach einem Nahrungsergänzungsmittel fragt, das seine Lebensspanne verlängern soll. Die Kundin, die irgendwo gelesen hat, dass bestimmte Pflanzenstoffe das biologische Alter verjüngen, oder der sportliche Mittfünfziger, der wissen möchte, ob er jetzt wirklich täglich zwölf verschiedene Präparate einnehmen muss.

Dann beginnt der Teil, den soziale Medien häufig auslassen: die individuelle Beratung. Denn gesund altern funktioniert selten nach dem Gießkannenprinzip. Was für einen Menschen sinnvoll ist, kann für den nächsten völlig überflüssig sein. Genau hier liegt eine große Chance für Apotheken. Nicht als Tempel für ewige Jugend sondern als Ort für realistische Gesundheitsberatung.

Wir können bei vielem helfen:

  • Risiken einzuordnen
  • Mangelzustände zu erkennen
  • Arzneimitteltherapien zu optimieren
  • Impfungen, Bewegung, Ernährung oder Prävention anzusprechen.

 

Longevity war schon immer apothekenrelevant

Eigentlich machen wir vieles davon schon seit Jahren, nur hieß es damals noch nicht Longevity. Die Frage nach Schulungen höre ich inzwischen ebenfalls häufiger. Tatsächlich gibt es immer mehr Fortbildungen, Kongresse und Seminare zum Thema gesundes Altern. Auch Apothekerkammern, Fachgesellschaften und verschiedene Fortbildungsanbieter greifen das Thema zunehmend auf.

Das überrascht nicht, denn unsere Gesellschaft wird älter und damit wächst auch der Bedarf an kompetenter Beratung. Vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: Longevity bedeutet nicht, möglichst lange jung auszusehen. Es bedeutet auch nicht, jede Woche dem nächsten Gesundheitstrend hinterherzulaufen. Im Kern geht es darum, möglichst viele gesunde Lebensjahre zu gewinnen, und das gelingt oft nicht durch die spektakulärste Maßnahme, sondern durch die konsequente Umsetzung der „langweiligen“ bereits genannten.

Während also im Internet der nächste Longevity-Guru erklärt, warum sein Lieblingssupplement die Zukunft des Alterns verändert, werde ich morgen vermutlich wieder das tun, was Apothekenteams schon immer getan haben: Menschen dabei helfen, möglichst gesund älter zu werden. Ganz ohne Ringlicht und ohne Eisbad vor Arbeitsbeginn.