Arzneimittelrisiken bei Hitze besser managen

Hitze kann Wirkung und Verträglichkeit vieler Arzneimittel verändern. Die CALOR-Liste zeigt, welche Wirkstoffe besondere Aufmerksamkeit brauchen und wie Risiken frühzeitig erkannt werden.

CALOR-Liste: Arzneimitteltherapie bei Hitze sicherer machen

Hohe Temperaturen belasten Kreislauf, Nieren und Flüssigkeitshaushalt. Gleichzeitig können aber auch bestimmte Arzneimittel die körpereigene Wärmeabgabe beeinträchtigen oder bei einer Dehydratation stärker wirken. Die neue CALOR-Liste unterstützt Apothekenteams dabei, solche Risiken frühzeitig zu erkennen und Kund:innen gezielt zu beraten.

Was ist die CALOR-Liste?

CALOR steht für das lateinische Wort für Wärme beziehungsweise Hitze. Entwickelt wurde die Liste im Projekt ADAPT-HEAT unter Leitung der Uniklinik Köln gemeinsam mit der Medizinischen Hochschule Hannover und weiteren Partnern. Grundlage waren eine systematische Literaturauswertung, internationale Empfehlungen, die Einschätzung von mehr als 30 Expert:innen sowie Praxistests in Apotheken, Arztpraxen, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Das Ergebnis umfasst 27 Arzneimittelklassen und 71 fachlich abgestimmte Strategien zur Arzneimitteltherapiesicherheit bei Hitze.

Die Liste gliedert die Wirkstoffe nach Stoffwechsel und Hormonen, dem Herz-Kreislauf-System, dem Immunsystem und Onkologie, Schmerzen und Entzündung sowie Nervensystem und Psyche. Zusätzlich berücksichtigt sie transdermale therapeutische Systeme, kurz TTS. Zu jeder Gruppe nennt sie mögliche Risiken, konkrete Warnzeichen, sinnvolle Kontrollen und Hinweise für die Beratung.

Warum wird die Medikation bei Hitze zum Risiko?

Der Körper gibt überschüssige Wärme vor allem über eine stärkere Hautdurchblutung und das Schwitzen ab. Dabei gehen Flüssigkeit und Elektrolyte verloren. Arzneimittel können diese Anpassung auf mehreren Ebenen stören: Anticholinerg wirkende Substanzen hemmen beispielsweise die Schweißproduktion, Betablocker können die Hautdurchblutung vermindern und Psychopharmaka die zentrale Temperaturregulation beeinflussen.
Eine anticholinerge Belastung kann vor allem dann entstehen, wenn mehrere Präparate eingenommen werden müssen (Polypharmazie). Dazu zählen etwa trizyklische Antidepressiva, H1-Antihistaminika der ersten Generation, Butylscopolamin sowie die Urologika, Oxybutynin und Solifenacin. 

Typische Warnzeichen für diese Komplikation sind beispielsweise Mundtrockenheit, Verstopfung, Sehstörungen sowie heiße, trockene Haut. Andere Medikamente erhöhen das Risiko indirekt. Diuretika fördern die Flüssigkeits- und Elektrolytausscheidung, während ACE-Hemmer, AT1-Blocker und NSAR bei Dehydratation die Nierenfunktion zusätzlich belasten können. Bei der Einnahme von lithiumhaltigen Medikamenten kann der dabei entstehende mögliche Flüssigkeitsmangel den Wirkstoffspiegel erhöhen, da die therapeutische Breite (Abstand zwischen wirksamer und toxischer Dosis) gering ist.

Auch die Aufnahme eines Wirkstoffs in den Körper kann sich durch große Hitze verändern: Durch die stärkere Hautdurchblutung können kurzwirksame Insuline schneller anfluten und Hypoglykämien begünstigen. Bei TTS kann Wärme ebenfalls die Wirkstoffaufnahme verstärken. Das ist beispielsweise bei Fentanyl-, Buprenorphin-, Nikotin-, Rivastigmin- oder Rotigotinpflastern relevant.

Wer braucht besondere Aufmerksamkeit?

Im Fokus der Beratung zum Thema „Hitze“ stehen vor allem ältere und multimorbide Menschen sowie Patient:innen mit umfangreicher Medikation, Diabetes, Herz-Kreislauf-, Nieren- oder neurologischen Erkrankungen. Auch Laxanzien, SGLT-2-Hemmer, Antidepressiva, Antipsychotika, Antiepileptika, Antiparkinsonmittel und Opioide können bei Hitze besondere Vorsicht erfordern. Entscheidend ist daher nicht nur ein einzelner „Problemwirkstoff“, sondern das Zusammenspiel von Erkrankungen, Medikation, Trinkverhalten und Außentemperatur.

Apothekenteams sollten Hitzewarnungen als Anlass für einen kurzen Medikationscheck nutzen. Kund:innen sollten aktiv nach neu aufgetretenem Schwindel, ungewöhnlicher Müdigkeit, Verwirrtheit, Kopfschmerzen, sehr niedrigem Blutdruck, deutlich verminderter Urinausscheidung, neuen Ödemen oder Anzeichen einer Überdosierung angesprochen werden. Je nach Medikation sollten Blutdruck, Puls, Körpergewicht, Blutzucker, Elektrolyte, Nierenfunktion oder Arzneimittelspiegel engmaschiger kontrolliert werden.
 

Foto: iStock / Yelena Shestakova

Was du empfehlen kannst

Empfohlen werden sollte in jedem Fall eine individuell ausreichende Flüssigkeitszufuhr, Schutz vor direkter Sonne und Hitze sowie der Verzicht auf Alkohol. Die CALOR-Liste nennt neben Wasser und Tee auch Mineralwasser, Brühe, Elektrolytlösungen oder Fruchtsaftschorlen. Bestehende ärztliche Vorgaben zur Trinkmenge dürfen jedoch nicht eigenmächtig verändert werden. TTS dürfen nicht durch Wärmflaschen, Sitzheizungen, Sauna oder intensive Sonne zusätzlich erwärmt werden.

Wichtig: Die CALOR-Liste ist weder rechtlich bindend noch ein Schema zum eigenmächtigen Absetzen oder Reduzieren von Medikamenten. Wegen der begrenzten Studienlage enthält sie auch keine pauschalen Dosisvorgaben. Anpassungen müssen ärztlich und individuell festgelegt werden, möglichst schon vor der nächsten Hitzeperiode und nachvollziehbar im Medikationsplan.