Tierisch gute Frage: Ist das Medikament vegan?
Gelatine, Laktose, Wollwachs oder Heparin: Tierische Stoffe stecken in vielen Arzneimitteln. Wie die Apotheke vegane Alternativen findet und warum „vegan“ bei Medikamenten nicht immer eindeutig ist, liest du hier.
Die Frage „Ist dieses Arzneimittel vegan?“ lässt sich nicht immer mit einem Blick in die Packungsbeilage beantworten. Dabei ist sie längst kein Nischenthema: Weltweit möchten inzwischen viele Menschen tierische Bestandteile aus ethischen, religiösen oder kulturellen Gründen meiden. Auch medizinische Gründe können eine Rolle spielen, beispielsweise das Alpha-Gal-Syndrom, eine Allergie gegen einen Zuckerbaustein von Säugetieren.
Wo Tierisches „versteckt“ sein kann
Tierisches kann sowohl im Wirkstoff als auch in den Hilfsstoffen stecken. Hilfsstoffe besitzen keine eigene therapeutische Wirkung, ermöglichen aber etwa Herstellung, Stabilität oder Anwendung eines Arzneimittels. Bekannte Beispiele sind Gelatine in Kapselhüllen, Laktose als Füllstoff und Wollwachs in Salbengrundlagen. Schellack – in Dragee Überzügen – stammt aus den Ausscheidungen der Lackschildlaus, Karmin aus Cochenille-Schildläusen. Stearinsäure, Magnesiumstearat und Glycerol können dagegen tierischen, pflanzlichen oder synthetischen Ursprungs sein. Der Name allein verrät die Quelle nicht.
Einige Wirkstoffe werden direkt aus tierischem Material gewonnen. Heparine stammen überwiegend aus der Darmschleimhaut von Schweinen, Pankreatin aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen. Protamin, das unter anderem zur Aufhebung der Heparinwirkung eingesetzt wird und auch viele Omega-3-Präparate werden aus Fisch gewonnen. Colecalciferol (Vitamin D3) entsteht häufig aus Wollwachs.
Herausforderung Impfstoffe
Besonders kompliziert sind Impfstoffe: Je nach Präparat können bei der Herstellung bebrütete Hühnereier oder Zellkulturen eingesetzt werden. Auch kann Gelatine als Stabilisator in der Ampulle enthalten sein. Ob und welche tierischen Stoffe verwendet werden, muss deshalb für jeden Impfstoff einzeln geprüft werden.
Bei den ACE-Hemmern führt die tierische Spur dagegen in die Forschungsgeschichte. Peptide aus dem Gift der brasilianischen Jararaca-Lanzenotter hemmten das Angiotensin-Converting-Enzym, kurz ACE, und lieferten die Vorlage für Captopril. Das Enzym ist an der Bildung des blutdrucksteigernden Angiotensin II beteiligt. Captopril und die heute verwendeten ACE-Hemmer werden jedoch synthetisch hergestellt; sie enthalten kein Schlangengift.
Früher vom Tier, heute aus Bakterien
Auch bei Hyaluronsäure hat sich die Gewinnung verändert: Wurde sie früher häufig aus Hahnenkämmen isoliert, entsteht sie heute überwiegend biotechnologisch durch mikrobielle Fermentation. Ein weiteres Beispiel für diese Art Fortschritt sind Insuline: Sie wurden früher aus Tierpankreas gewonnen, heute entstehen Humaninsulin und Insulinanaloga überwiegend biotechnologisch mithilfe von Bakterien oder Hefen.
Doch selbst eine scheinbar tierfreie Zutatenliste bietet keine völlige Sicherheit. Tierische Stoffe können während der Herstellung eingesetzt werden, ohne später im Endprodukt enthalten zu sein. Zudem nennen Gebrauchs- und Fachinformation zwar die Hilfsstoffe, aber häufig nicht deren Herkunft. Lieferanten und Ausgangsmaterialien können sich aber durchaus auch einmal ändern. Im Zweifel bleibt deshalb nur die aktuelle Anfrage beim Hersteller.
Welche Arzneimittel tatsächlich vegan sind
Vegane Arzneimittel gibt es dennoch. 2022 erhielt Paraveganio mit 500 Milligramm Paracetamol als weltweit erstes Arzneimittel das Vegan Trademark der Vegan Society. Das enthaltene Magnesiumstearat stammt aus pflanzlicher Quelle. Solche Zertifizierungen sind bislang jedoch selten. Zudem ist „frei von tierischen Bestandteilen“ nicht automatisch gleichbedeutend mit einer vollständig tierversuchsfreien Arzneimittelentwicklung.
Wer für seine Kund:innen recherchieren möchte, muss derzeit mehrere Quellen kombinieren: Eine vollständige Datenbank für vegane Arzneimittel gibt es in Deutschland nicht. Fach- und Gebrauchsinformationen sind über die Warenwirtschaft, die Gelbe oder Rote Liste sowie den FachInfo-Service abrufbar. Sie nennen Wirk- und Hilfsstoffe, meist aber nicht deren Herkunft. Die Produktsuche der Vegan Society hilft bei zertifizierten Präparaten, erfasst aber nicht alle tierfreien Arzneimittel. Die deutsche App „whatsin my meds“ die Arzneimittel unter anderem nach tierischen Bestandteilen filterte, wurde leider zum 30. Juni 2025 vorläufig eingestellt.
Fazit
Für die Beratung ist vor allem folgendes wichtig: Zuerst sollte geklärt werden, was die betreffende Person vermeiden möchte. Häufig hilft der Wechsel von der Kapsel zur Tablette, zu einem anderen Hersteller oder zu einer therapeutisch gleichwertigen Alternative. Rabattverträge, Austauschregeln und die Therapiesicherheit müssen dabei beachtet, ein notwendiges Arzneimittel darf nie eigenmächtig abgesetzt werden.