Die Nase kennt keinen Kalender
Allergien haben nicht nur im Frühling Saison: Ambrosia, Schimmelsporen und Hausstaubmilben sorgen bis in den Winter für Beschwerden. Was PTA und Apotheker:innen bei der Beratung beachten sollten.
Allergiesaison 2.0: Späte Allergene, späte Symptome
Birke im Frühjahr, Gräser im Frühsommer – und danach ist die Allergiesaison vorbei? Keineswegs. Für viele Betroffene beginnt im Spätsommer eine zweite Beschwerdewelle, andere leiden durchgehend bis in den Winter. Der Ausdruck „Spätallergie“ der dafür manchmal verwendet wird ist allerdings kein medizinischer Fachbegriff und darf nicht mit der Spättypallergie, also einer verzögerten Typ-IV-Reaktion, verwechselt werden. Gemeint sind hier vor allem IgE-vermittelte Soforttypallergien, deren Auslöser spät im Jahr oder ganzjährig auftreten.
Ambrosia verlängert die Pollensaison
Während Birken- und Gräserpollen längst aus dem Fokus verschwunden sind, fliegen noch Kräuterpollen. Neben Beifuß spielt besonders die aus Nordamerika eingeschleppte Beifuß-Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia) eine zunehmende Rolle. Sie blüht überwiegend von Juli bis Oktober, die Hauptbelastung liegt häufig im August und September. Bereits geringe Pollenkonzentrationen können Beschwerden auslösen. Typisch sind Niesattacken, eine laufende oder verstopfte Nase, juckende und tränende Augen. Auch Husten oder allergisches Asthma sind möglich.
Ambrosia wächst bevorzugt auf Brachen, an Straßenrändern und auf Äckern. Ihre Samen können außerdem über verunreinigtes Vogelfutter verbreitet werden. Bestände sollten den regional zuständigen Behörden gemeldet werden. Die Pflanze wird möglichst vor der Blüte mit Handschuhen samt Wurzel entfernt. Blühende Exemplare sollten Menschen mit Allergien nicht selbst beseitigen.
Nicht immer sind Pollen schuld
Nicht jedes spätsommerliche „Heuschnupfen“-Symptom stammt zudem von Pollen. Die Konzentrationen von Schimmelpilzsporen in der Außenluft können im Spätsommer und Frühherbst besonders hoch sein. Wichtige Auslöser sind Alternaria und Cladosporium. Gartenarbeit, Kompost, verrottendes Laub und landwirtschaftliche Tätigkeiten erhöhen die Exposition. Beschwerden, die nach Niederschlägen, an windigen Tagen oder bei der Gartenarbeit zunehmen, liefern wichtige Hinweise für die Anamnese.
Innenraumschimmel kann dagegen ganzjährig belasten. Sichtbarer Befall und Feuchteschäden gehören fachgerecht saniert, denn bloßes Übersprühen oder Abtöten genügt nicht, weil auch abgestorbene Pilzbestandteile allergen wirken können. Entscheidend ist, die Feuchteursache zu beseitigen und angemessen zu heizen und zu lüften.
Hausstaubmilben kennen keine Jahreszeit
Bei Hausstaubmilben sind nicht die Tiere selbst, sondern vor allem Eiweiße in Kot, Speichel und Fell die Allergieauslöser. Die Beschwerden bestehen häufig ganzjährig, können im Herbst und zu Beginn der Heizperiode aber deutlicher werden. Typisch sind eine morgens verstopfte Nase, Niesreiz nach dem Aufstehen sowie nächtlicher Husten. In der Beratung lohnt sich deshalb die Frage: „Wann und wo sind die Beschwerden am stärksten?“ Auch Tierallergene und berufliche Auslöser kommen bei persistierenden Symptomen infrage.
Zur Expositionsminderung können milbendichte Matratzenbezüge, regelmäßig bei mindestens 60 Grad gewaschene Bettwäsche und feuchtes Staubwischen beitragen. Der Nutzen von solchen „Encasings“ als alleiniger Maßnahme ist allerdings nicht eindeutig belegt. Die Maßnahmen sollten deshalb realistisch kombiniert werden, eine völlig milbenfreie Wohnung ist nicht erreichbar.
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Beratung: Allergie oder Infekt?
Juckreiz, anfallsartiges Niesen, klares Nasensekret, tränende Augen und ein wiederkehrendes zeitliches oder örtliches Muster sprechen eher für eine Allergie. Halsweh, Fieber und ausgeprägtes Krankheitsgefühl passen eher zu einem Infekt. Eine sichere Diagnose ist allein anhand der Symptome jedoch nicht immer möglich.
Bei leichten Beschwerden kommen lokal oder oral angewendete Antihistaminika infrage, bei systemischer Anwendung sind Wirkstoffe der zweiten Generation zu bevorzugen. Intranasale Glukokortikoide sind besonders bei stärkerer oder anhaltender verstopfter Nase wichtig und müssen regelmäßig und korrekt angewendet werden: Kopf leicht nach vorn, Sprühstoß von der Nasenscheidewand weg. Abschwellende Nasensprays sind keine Dauertherapie. Kochsalzspülungen können zusätzlich entlasten.
Neu aufgetretene, anhaltende oder unklare Beschwerden sollten ärztlich-allergologisch abgeklärt werden. Das gilt ebenso bei unzureichender Selbstmedikation. Husten, pfeifende Atmung, Luftnot oder nächtliche Atembeschwerden sind Warnzeichen für eine Beteiligung der Bronchien. Bei gesicherter, klinisch relevanter Sensibilisierung kann eine allergenspezifische Immuntherapie – besonders bei Pollen- und Hausstaubmilbenallergie – langfristig infrage kommen. Für die Apotheke bedeutet das, dass die Allergieberatung nicht mit dem Frühling endet. Sie ist ein Ganzjahresthema, nur die Auslöser können wechseln.