Lärm macht krank

Lärm wird oft nur als lästige Begleiterscheinung des Alltags wahrgenommen. Dabei zeigen Studien: Chronische Lärmbelastung kann Schlaf, Herz-Kreislauf-System und psychische Gesundheit erheblich beeinträchtigen.

Der unterschätzte Risikofaktor

Das ständige Brummen des Verkehrs, der Nachbar mit der Bohrmaschine oder die tägliche Beschallung über Kopfhörer: Viele Menschen nehmen Lärm als unvermeidbaren Teil des Alltags hin. Doch was lediglich störend erscheint, kann langfristig die Gesundheit belasten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Umweltlärm zu den wichtigsten umweltbedingten Gesundheitsrisiken in Europa.

Mehr als eine Belästigung

Lärm wirkt nicht nur auf das Gehör. Selbst wenn Menschen sich subjektiv an Geräusche gewöhnt haben, reagiert der Körper mit einer Stressantwort. Dabei werden unter anderem Stresshormone ausgeschüttet, Herzfrequenz und Blutdruck steigen. Laut der WHO gibt es einen nachweislichen Zusammenhang zwischen langfristiger Verkehrslärmexposition und kardiovaskulären Erkrankungen. Als zugrunde liegender Mechanismus gelten vor allem Stressreaktionen mit Aktivierung des sympathischen Nervensystems und der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse.

Langfristig kann Lärm damit nicht nur das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z. B. Bluthochdruck, ischämische Herzerkrankungen) erhöhen. Die WHO nennt unter anderem auch Schlafstörungen, kognitive Beeinträchtigungen und psychische Belastungen als mögliche Folgen chronischer Lärmbelastung.

Schlaf als erstes Opfer

Besonders kritisch ist nächtlicher Lärm. Nach den „WHO Night Noise Guidelines for Europe“ kann nächtlicher Umgebungslärm biologische Stressreaktionen und Schlafstörungen auslösen, selbst wenn Betroffene nicht bewusst aufwachen. Sogar niedrige Geräuschpegel können die Schlafqualität beeinträchtigen. Die Folgen reichen von Tagesmüdigkeit und Konzentrationsproblemen bis hin zu langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen. Die WHO empfiehlt deshalb eine möglichst geringe nächtliche Lärmbelastung zum Schutz der Gesundheit.

Herz und Stoffwechsel unter Stress

Aktuelle europäische Daten zeigen, dass Verkehrslärm jährlich mit tausenden Fällen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie einer erhöhten Belastung durch Stoffwechselerkrankungen in Verbindung steht. Laut dem Bericht „Environmental Noise in Europe 2025“ der Europäischen Umweltagentur (EEA) ist chronische Verkehrslärmbelastung in Europa jährlich mit rund 49.000 neuen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, etwa 23.000 Fällen von Typ-2-Diabetes sowie 73.000 vorzeitigen Todesfällen assoziiert.

Eine 2025 veröffentlichte Umbrella-Review über 20 Metaanalysen fand einen Zusammenhang zwischen steigender Lärmbelastung und einem erhöhten Risiko für Hypertonie, koronare Herzkrankheit, ischämische Herzkrankheit und Vorhofflimmern. Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass Umweltlärm als relevanter kardiovaskulärer Risikofaktor betrachtet werden sollte.

Auch epidemiologische Übersichtsarbeiten bestätigen Zusammenhänge zwischen anhaltender Lärmexposition und einem erhöhten Risiko für Hypertonie sowie andere kardiovaskuläre Erkrankungen.

Fazit

Nach Angaben der WHO sind in der Europäischen Union rund 100 Millionen Menschen gesundheitsgefährdenden Verkehrslärmpegeln ausgesetzt. Lärm zählt damit zu den bedeutendsten umweltbedingten Gesundheitsrisiken in Europa. Apothekenteams können dazu beitragen, das Bewusstsein dafür zu schärfen.

Bei Schlafbeschwerden, Stresssymptomen oder erhöhtem Blutdruck lohnt es sich, auch nach möglichen Lärmquellen im Alltag zu fragen. Praktische Hinweise wie die Reduktion von Freizeitlärm, maßvolle Kopfhörerlautstärken oder Maßnahmen zur Verbesserung der Schlafumgebung können Teil einer ganzheitlichen Beratung sein. Gerade weil Lärm oft unterschätzt wird, verdient er mehr Aufmerksamkeit in der Prävention.