Glucagon - ein Retter bei Hypoglykämie

Antidiabetika, Teststreifen, Pen-Nadeln, Lanzetten: Beim Monatsbedarf von Diabetiker:innen kommen einige Dinge zusammen, mitunter auch das Notfallmedikament mit dem Wirkstoff Glucagon. Wann und wie wird es gebraucht?

Glucagon ist ein Peptidhormon, das in den A-Zellen der Langerhans‘schen Inselzellen des Pankreas und in kleinen Mengen im Zentralnervensystem (ZNS) gebildet wird. Es erhöht den Blutzuckerspiegel durch Anregung der Bildung von energiereicher Glucose aus Glykogen. Bei Blutzuckerabfall, aber auch nach einer proteinreichen Mahlzeit, wird Glucagon von der Bauchspeicheldrüse in die Blutbahn abgegeben und zirkuliert dort. Dieses Hormon ist in seiner Wirkung auf den Glucose-, Protein- und Fettsäurestoffwechsel ein Gegenspieler des Insulins. Glucagon wird von der Leber aufgenommen und durch Spaltung wieder inaktiviert. Fällt eine Person mit Typ-I-Diabetes in eine Unterzuckerung (Hypoglykämie), kann die Gabe von Glucagon lebensrettend sein. 

Wann sollte Glucagon gegeben werden?

Durch Stress, ungeplante körperliche Aktivität, zu hohe Insulindosen und zu wenig Essen oder Erbrechen kann es zu einer Hypoglykämie kommen. Von einer leichten Hypoglykämie spricht man bereits ab Werten unter 70 mg/dl. Da das Auftreten von Symptomen individuell verschieden ist, ist eine genaue Einschätzung sowohl für Betroffene, als auch für Außenstehende mitunter sehr schwierig. Daher sollte man bei Auftreten von Angstgefühlen, Unruhe, Herzklopfen, Übelkeit, Zittern, Schwitzen und Heißhunger hellhörig werden und wenn möglich den Blutzuckerspiegel messen. Im weiteren Verlauf können nämlich Verwirrtheit, Denkstörungen, Schwindel bis hin zu Krämpfen dazukommen. Sinkt der Blutzuckerspiegel weiter, kann es schlimmstenfalls zu Bewusstlosigkeit und hypoglykämischem Koma kommen. 

Ist die Hypoglykämie durch Aufnahme von Zuckerlösungen, Traubenzucker, Limonade oder Saft und wiederholten engmaschigen Blutzuckerkontrollen nicht in den Griff zu kriegen, kann die Gabe von Glucagon erforderlich sein. Bevor dies geschieht, sollte der Blutzucker gemessen worden und sichergestellt sein, dass der oder die Betroffene tatsächlich unterzuckert ist. Daher ist es wichtig, dass sich sowohl die Betroffenen, als auch nahe Angehörige oder Betreuungspersonen mit der Handhabung des Medikaments auskennen.

Welche Fertigarzneimittel gibt es?

In Deutschland stehen derzeit drei Fertigarzneimittel zur Verfügung. Das älteste und bekannteste Präparat ist das GlucaGen® HypoKit von NovoNordisk. Es besteht aus einer Durchstechflasche mit gefriergetrocknetem, gentechnisch hergestelltem Glucagon, das vor der Anwendung mit Wasser für Injektionszwecke rekonstituiert werden muss. Dazu wird der Inhalt der Fertigspritze in die Durchstechflasche gespritzt, der Inhalt vorsichtig geschwenkt, anschließend wird die fertige Lösung (sie muss klar und farblos sein) wieder in die Fertigspritze aufgezogen und sofort intramuskulär oder subkutan gespritzt.

Pro Milliliter rekonstituierter Injektionslösung sind 1 mg Glucagon enthalten. Erwachsene und Kinder ab 25 kg Körpergewicht oder ab acht Jahren erhalten die ganze Dosis, Kinder unter 25 kg nur die Hälfte. Die Wirkung sollte innerhalb von zehn Minuten eintreten, ansonsten muss der Notarzt bzw. die Notärztin gerufen werden.

Da der Wirkstoff in flüssiger Form relativ instabil ist, darf er erst kurz vor der Anwendung mit der Flüssigkeit gemischt werden. Eventuelle Reste müssen verworfen werden. In der Apotheke muss das Medikament im Kühlschrank gelagert werden, beim Patienten kann es bei Raumtemperatur bis zu 18 Monate aufbewahrt werden.

Seit Herbst 2022 gibt es die Ogluo® 0,5mg und 1mg Injektionslösung im Fertigpen von Tetris Pharma B.V. Dem Hersteller ist es gelungen, Glucagon auch in flüssiger Form zu stabilisieren. Eine Rekonstitution von Verabreichung ist nicht erforderlich. Das Medikament wird subkutan in den Unterbauch oder Oberschenkel injiziert. Dazu wird ein Pen auf die Haut heruntergedrückt und dann fünf Sekunden gewartet. Eine Wirkung tritt nach ca. 15 Minuten ein. Ist dies nicht der Fall, kann ein neuer, zweiter Pen verabreicht werden. Der Notarzt bzw. die Notärztin muss unbedingt verständigt werden. Ogluo® kann bei Erwachsenen und Kindern ab zwei Jahren angewendet werden. Ab sechs Jahren wird 1 mg verabreicht, darunter 0,5 mg. Die Pens können bei Raumtemperatur aufbewahrt werden. 

Weiterhin ist es möglich, Glucagon nasal anzuwenden. Das Arzneimittel von Baqsimi® Glucagon-Nasenpulver im Einzeldosenbehältnis von Lilly Deutschland enthält 3 mg Glucagon und darf bei Erwachsenen und Kindern ab vier Jahren angewendet werden. Dazu wird die Spitze des Einzeldosenbehältnisses vorsichtig in ein Nasenloch eingeführt. Der Wirkstoff wird anschließend durch vollständiges Durchdrücken des Kolbens freigesetzt. Wichtig: Da das Arzneimittel nur eine einzelne Dosis enthält, darf die Anwendung durch vorheriges Drücken nicht getestet werden.

Die Aufnahme des Glucagons erfolgt über die Nasenschleimhaut, tiefes Einatmen ist nicht erforderlich. Eine Anwendung bei Bewusstlosen ist daher auch möglich. Selbst bei erkältungsbedingtem Schnupfen mit Schleimhautschwellung, kommt es zu keiner Wirkungsbeeinträchtigung. Baqsimi® sollte unter 30 Grad Celsius gelagert werden. Neuere Stabilitätsuntersuchungen haben aber gezeigt, dass die Stabilität des Arzneimittels sowohl bei hohen Temperaturen im Sommer als auch bei winterlicher Kälte gewährleistet ist.

Wann zeigt Glucagon keine Wirkung?

Wachen Bewusstlose trotz Glucagon-Gabe nicht auf, kann es dafür mehrere Gründe geben: Glucagon kann nur wirken, wenn in der Leber ausreichend Glykogen, also die Speicherform von Glucose, vorhanden ist. Wenn der Patient also über einen längeren Zeitraum nüchtern war und die Glykogen-Speicher leer sind, kann das Hormon bei einer Hypoglykämie nicht helfen. Auch bei einer Unterzuckerung, die durch Alkoholkonsum ausgelöst wurde, wirkt Glucagon nur eingeschränkt. Denn unter Alkoholeinfluss ist die Zuckerausschüttung aus der Leber reduziert. Reagiert eine Person mit Diabetes nicht auf die Glucagon-Gabe, sollte dieser in die stabile Seitenlage gebracht und sofort notärztlicher Rat eingeholt werden. Um die Person zu stabilisieren, wird dann eine Glucose-Infusion verabreicht.