Eiskalt effektiv
Die Kryotherapie erfährt derzeit eine Renaissance in der modernen Medizin und Gesundheitsförderung. Was steckt dahinter und was haben wir damit zu tun?
Den letzten Teil der gerade gestellten Frage kann man ganz leicht beantworten: In der Apotheke sind wir oft erste Ansprechpartner für Patient:innen, die nach Selbsthilfemöglichkeiten bei Schmerzen oder Entzündungen suchen. Dieses alte Therapieprinzip – nämlich Kälte zur Linderung von Beschwerden einzusetzen – verdient in seinen zeitgemäßen Formen daher einen festen Platz in deinem Beratungswissen. Nachdem das geklärt ist: Wenden wir uns dem zu, was dahinter steckt.
Historische Entwicklung: Von der Antike zum modernen Medizinprodukt
Die therapeutische Anwendung von Kälte zählt zu den ältesten medizinischen Interventionen der Menschheit. Bereits im Corpus Hippocraticum (entstanden zwischen dem späten 5. Und frühen 4. Jahrhundert v. Chr.) finden sich detaillierte Beschreibungen zur gezielten Kälteanwendung, etwa durch Umschläge mit Schnee oder Eis bei entzündlichen Prozessen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich mit der Erfindung der Kryochirurgie ein spezifisches Verfahren zur gezielten Zerstörung von Gewebe durch extreme Kälte.
Was heute unter dem Oberbegriff „Kryotherapie“ vermarktet wird, reicht von klassischen Kältepackungen aus der Offizin bis hin zu hochspezialisierten Kältekammern, in denen Patient:innen, häufig Sportler zu Regenerationszwecken, Temperaturen von bis zu -110°C ausgesetzt werden. Auch topische Anwendungen mit punktueller Stickstoffbehandlung zählen zum heutigen Portfolio.

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Physiologische Grundlagen: Was passiert im Körper bei Kälteanwendung?
Für deine Beratung in der Apotheke ist das Verständnis der Wirkmechanismen essentiell:
- Neuronale Effekte: Kälte erhöht die Reizschwelle der Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) und verlangsamt die Nervenleitgeschwindigkeit in Aδ- und C-Fasern, was zur unmittelbaren Schmerzreduktion führt.
- Vaskuläre Reaktion: Initial kommt es zur Vasokonstriktion mit reduziertem Blutfluss, was Schwellungen entgegenwirkt. Bei längerem Kältereiz folgt eine reaktive Vasodilatation (Lewis-Reaktion), die den Abtransport von Entzündungsmediatoren begünstigt.
- Metabolische Effekte: Die lokale Stoffwechselaktivität wird reduziert, wodurch weniger Entzündungsmediatoren (Prostaglandine, Leukotriene, TNF-α, Interleukine) freigesetzt werden.
- Modulatorische Langzeiteffekte: Bei regelmäßiger Anwendung werden neuroendokrine Anpassungsprozesse beobachtet, die zur Schmerzmodulation auf zentraler Ebene und zur Immunmodulation beitragen können.
Diese Wirkprinzipien bilden einen Kontrast zu vielen medikamentösen Therapien, bei denen oft selektive biochemische Interventionen im Vordergrund stehen.
Evidenzbasierte Anwendungsfelder – Kryotherapie in der Apotheke
Die Wirksamkeit von Kryotherapie ist wissenschaftlich gut belegt bei akuten Sportverletzungen, postoperativen Schwellungen, rheumatoider Arthritis sowie Sehnenentzündungen. Für chronische Schmerzsyndrome, Multiple Sklerose, Hauterkrankungen und psychische Störungen zeigen Studien zwar positive Ansätze, es fehlt bislang jedoch noch an belastbaren Langzeitdaten, insbesondere zur Ganzkörper-Kryotherapie.
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In der Apotheke stehen verschiedene Kryotherapie-Optionen zur Verfügung, die je nach Beschwerdebild eingesetzt werden können: Kältesprays bieten schnelle Schmerzlinderung, während Kühlgele mit Menthol oder Campher zusätzlich entzündungshemmend wirken. Ergänzend kommen Kältekompressen und thermoregulierende Kühlbandagen zum Einsatz, etwa bei Schwellungen oder Verletzungen. Außerdem können Warzen unter anderem mit der Vereisungsmethode behandelt werden.
Die Anwendung kann eine sinnvolle Ergänzung zu nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) bei muskuloskelettalen Beschwerden darstellen und die Wirkung von Physiotherapie nach vorheriger Kälteanwendung potenzieren. Zudem sind mögliche Interaktionen mit gefäßwirksamen Medikamenten zu beachten, da eine Verstärkung der Vasokonstriktion auftreten kann.
Fazit: Mehrwert für deine pharmazeutische Beratung
Kryotherapie ist keineswegs nur ein Trend, sondern eine physiologisch fundierte Therapieoption. Sie stellt eine nebenwirkungsarme Alternative oder Ergänzung zu medikamentösen Therapien dar und kann die Selbstwirksamkeit der Patient:innen stärken. Durch dein Fachwissen zu Wirkprinzipien, Anwendungstechniken und verfügbaren Produkten kannst du dafür sorgen, dass diese altbewährte Methode in modernem Gewand optimal genutzt werden kann – abseits übertriebener Wirkversprechen, dafür mit realistischer Einschätzung des therapeutischen Potenzials.