Muttertag: Ein Geschenk ohne PZN
Sie kümmern sich um alle – nur selten um sich selbst. Zum Muttertag zeigt die Apothekenspitzel:in, was Mütter wirklich brauchen. Spoiler: Es steht in keinem Regal.
Die Apotheke als Rettung
Samstag, 12:42 Uhr – noch 18 Minuten bis Ladenschluss. Er steht vor dem HV-Tisch, vielleicht 12 Jahre alt, leicht verschwitzt, sichtbar überfordert. In der Hand: ein Blasenpflaster. „Ist … das ein gutes Geschenk? Für Muttertag?“ Ich schaue kurz auf das Pflaster. Dann auf ihn. Dann wieder auf das Pflaster. „Kommt drauf an“, sage ich. „Macht sie viel Sport oder wandert? Hat sie Probleme, wenn sie neue Schuhe trägt?“ Er lacht unsicher. Er weiß es nicht.
Muttertag in der Apotheke ist ein ganz eigenes Kapitel im großen Buch der Apothekengeschichten. Eine Mischung aus Last-Minute-Romantik, schlechtem Gewissen und der verzweifelten Suche nach etwas, das nach Fürsorge aussieht – ohne dass man genau weiß, wie die eigentlich aussieht.
Die Klassiker gehen immer: Magnesium. Vitamin D. Irgendwas „für die Nerven“. Manchmal auch eine Handcreme, die so heißt, als würde sie das Leben neu ordnen „Das ist gut für gestresste Haut“, sage ich dann. Und denke: Schön wär’s. Die Wahrheit ist: Die meisten, die hier stehen, kaufen keine Geschenke. Sie kaufen eine Beruhigung für sich selbst. „Ich hab dran gedacht“, sagt das Produkt. „Ich hab mich gekümmert.“ Ob das wirklich stimmt, ist eine andere Frage.
Wer denkt im Alltag an die Mütter?
Gestern war eine junge Frau da. Vielleicht Anfang 30. Zwei Kinder im Schlepptau, eines davon barfuß, das andere mit einem Pflaster an der Stirn, das schon bessere Tage gesehen hat. „Haben Sie was gegen Kopfschmerzen?“, fragt sie. Ich nicke. „Soll es für sie selbst sein?“ Standardfrage. Standardantwort. „Ja, für mich“, ergänzt sie. Pause. „Und was gegen Reizhusten für den Kleinen. Und Fieberzäpfchen. Und … haben Sie noch diese Vitamin-Gummis? Die mit den Bärchen?“ Ich packe die Sachen zusammen. Sie lächelt. Müde, aber freundlich. „Muttertag ist auch bald wieder, oder?“, frage ich nebenbei. Sie zuckt mit den Schultern. „Ja. Mal sehen, ob wir dran denken.“ Wir. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
Später kommt ein älterer Herr. Stammkunde. Immer geschniegelt, immer höflich.
Heute etwas fahriger als sonst. „Ich hätte gern … etwas Schönes“, sagt er. „Für meine Frau.“ Ich zeige ihm eine hochwertige Pflegecreme. Er liest die Packung, als würde dort die Antwort auf eine Lebensfrage stehen. „Die hat immer so trockene Hände“, murmelt er. Natürlich hat sie die, vermutlich weil sie sich um alles kümmert. Er nimmt die Creme und zögert. „Meinen Sie, das reicht?“ Ich überlege kurz. „Das ist ein Anfang“, sage ich dann.
Einmal stressfrei bitte!
Was Mütter wirklich brauchen, steht nämlich selten im Regal. Es hat keine PZN, keinen Beipackzettel und ist nicht rabattfähig. Es ist nicht in Tuben abgefüllt und kommt auch nicht in hübschen Geschenkverpackungen. Was sie brauchen, ist Zeit für sich selbst. Ein Tag ohne „Mamaaa!“. Ein Kaffee, der warm bleibt, ein Gespräch, das nicht nebenbei geführt wird und Schlaf. Am Stück. Und vielleicht – nur vielleicht – jemanden, der fragt: „Und wie geht’s eigentlich dir?“ Ohne sofort zur Tagesordnung überzugehen.
Kurz vor Feierabend, steht wieder jemand vor mir. Diesmal ein Teenager. „Haben Sie was für meine Mutter?“, fragt er. Ich nicke. „Was darf’s denn sein? Was ist sie denn für ein Typ?“ Er zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung. Sie ist halt … immer für alle da.“
Das Beste kommt zum Schluss
Ich lächle zum ersten Mal heute wirklich und greife ins Regal. Nicht zu den großen Versprechen. Nicht zu „Anti-Stress-Komplex“ oder „Regeneration über Nacht“, sondern zu einer ganz normalen Handcreme. „Die hier ist gut, riecht toll und zieht schnell ein“, sage ich. Er schaut mich an. „Okay und sonst?“ Ich lehne mich ein kleines Stück über den HV-Tisch. „Sagen Sie ihr, dass sie sich mal hinsetzen soll und dass Sie sich heute um alles kümmern.“ Er blinzelt. Dann nickt er. „Krieg ich hin“, sagt er.
Als er geht, bleibt das Regal hinter mir voll. Blasenpflaster, Vitamine, Badezusätze. Alles da. Nur das, was wirklich hilft, steht in keiner Sichtwahl.