Schmerzen – warum Aushalten keine Lösung ist

Schmerzen können sich im Nervensystem festsetzen und ein dauerhaftes Schmerzgedächtnis bilden. Warum frühzeitige, richtige Behandlung so wichtig ist und weshalb Durchhalten oft mehr schadet als hilft.

Ein verstauchter Fuß, eine Operation oder eine Zahnbehandlung: Akute Schmerzen gehören zum Leben und erfüllen zunächst eine wichtige Schutzfunktion. Doch was passiert, wenn Schmerzen anhalten, obwohl die ursprüngliche Ursache längst abgeheilt ist? In solchen Fällen spielt häufig das sogenannte Schmerzgedächtnis eine zentrale Rolle. Für Apothekenteams ist dieses Konzept relevant, da Betroffene oft zuerst Unterstützung in der Offizin suchen.

Warum unzureichende Schmerzbehandlung problematisch ist

Akuter Schmerz dient als Warnsignal des Körpers. Bleibt er jedoch unbehandelt oder wird therapeutisch nicht ausreichend adressiert, kann er sich verselbstständigen. Unzureichend behandelte Schmerzen gelten als einer der wichtigsten Risikofaktoren für die Chronifizierung. Das bewusste Aushalten von Schmerzen oder das wiederholte Hinauszögern einer wirksamen Analgesie erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Schmerzgedächtnis etabliert. Chronische Schmerzen sind häufig mit Schlafstörungen, psychischen Belastungen und Einschränkungen im Alltag verbunden. Eine konsequente Schmerztherapie in der Akutphase ist daher ein wesentlicher Bestandteil der Prävention.

Definition des Schmerzgedächtnisses

Unter dem Begriff Schmerzgedächtnis versteht man biochemische, funktionelle und strukturelle Veränderungen im zentralen Nervensystem, die durch wiederholte, intensive oder unzureichend behandelte Schmerzreize entstehen. Diese Veränderungen führen zu einer dauerhaften Verstärkung der Schmerzverarbeitung. Das Nervensystem reagiert zunehmend empfindlicher, sodass schon geringe oder normalerweise nicht schmerzhafte Reize Schmerzen auslösen können (Allodynie). In fortgeschrittenen Fällen treten Schmerzen sogar ohne äußeren Anlass auf. Der Schmerz verliert damit seine Schutzfunktion und wird zu einem eigenständigen Krankheitsbild.

Akute und chronische Schmerzen im Vergleich

Akute Schmerzen sind zeitlich begrenzt und eng an eine Gewebeschädigung gekoppelt. Nach Abheilung klingt die Schmerzwahrnehmung in der Regel ab. Neurobiologisch überwiegen reversible Prozesse wie die kurzfristige Sensibilisierung peripherer Nozizeptoren. Chronische Schmerzen hingegen persistieren über Monate und sind oft von der ursprünglichen Ursache entkoppelt. Die Aufrechterhaltung erfolgt überwiegend durch zentrale Mechanismen. Insbesondere die zentrale Sensibilisierung spielt eine entscheidende Rolle, da die Schmerzverarbeitung im Rückenmark und Gehirn dauerhaft verändert wird. Dies erklärt, warum chronische Schmerzen therapeutisch schwerer zu beeinflussen sind als akute.

Neurobiologische Grundlagen

Das Schmerzgedächtnis beruht auf synaptischer Plastizität. Wiederholte starke Schmerzreize führen zu einer anhaltenden Verstärkung der Signalübertragung in schmerzverarbeitenden neuronalen Netzwerken. Beteiligt sind unter anderem glutamaterge Synapsen mit Aktivierung von NMDA- und AMPA-Rezeptoren sowie ein verstärkter Kalziumeinstrom in die Nervenzellen. Zusätzlich ist die körpereigene Schmerzhemmung, beispielsweise durch absteigende inhibitorische Bahnen aus dem Hirnstamm, abgeschwächt. Das Zusammenspiel aus gesteigerter neuronaler Erregbarkeit und verminderter Hemmung gilt als Schlüsselmechanismus der Schmerzchronifizierung.

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Schmerztherapie und Prävention

Eine sachgerechte Anwendung von Analgetika ist ein zentraler Baustein zur Vermeidung eines Schmerzgedächtnisses. Dabei gelten folgende Grundsätze:

  • Schmerzen frühzeitig und ausreichend behandeln
  • Unterdosierungen vermeiden
  • Einnahmedauer und Risiken beachten

 

Ist ein Schmerzgedächtnis etabliert, reicht eine alleinige medikamentöse Therapie häufig nicht aus. Multimodale Konzepte mit pharmakologischen, physikalischen und psychologischen Maßnahmen sind dann erforderlich.

Bedeutung für die Apothekenpraxis

Apothekenteams spielen eine wichtige Rolle bei der Aufklärung über eine angemessene Schmerzbehandlung. Ein fundiertes Verständnis des Schmerzgedächtnisses hilft, die Situation chronischer Schmerzpatientinnen und Schmerzpatienten besser einzuordnen, realistische Erwartungen zu vermitteln und auf die Bedeutung einer frühzeitigen, konsequenten Therapie hinzuweisen.