Frau, fragil, fehlversorgt
Warum Frauen und Männer selbst bei derselben Verletzung völlig unterschiedliche Fragen stellen – und was das über die blinden Flecken der Orthopädie aussagt, verrät Dr. Rebecca Sänger im Gespräch mit AMIRA.
Verletzung im Rollenbild
Wenn Männer sich verletzen, wollen sie wissen, wann sie wieder trainieren können. Gerade Männer, die das Haupteinkommen der Familie sichern, fragen zudem häufig, wann sie wieder arbeitsfähig sind. Frauen hingegen fragen, wann sie ihren Alltag wieder bewältigen können, etwa um das Kind in die Kita zu fahren oder andere Care-Aufgaben zu übernehmen. Diese Beobachtung macht Dr. med. Rebecca Sänger, Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie und Leiterin der AG Geschlechtssensible Medizin der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie, häufig. „Frauen und Männer haben unterschiedliche Alltagssituationen und das zeigt sich in ihren Fragen bei orthopädischen Verletzungen.“
Orthopädische Beschwerdebilder: typisch Frau, typisch Mann
Die unterschiedlichen Fragen von Männern und Frauen nach orthopädischen Verletzungen spiegeln nicht nur Rollenbilder und Alltagsrealitäten, sondern auch biologische Unterschiede wider. Diese äußern sich in den typischen Beschwerdebildern: „Frauen leiden häufiger an Hallux valgus, was vor allem genetische und bindegewebige Ursachen hat, und entwickeln vermehrt Frozen‑Shoulder‑Beschwerden, die hormonell beeinflusst sind. Männer hingegen erleiden häufiger akute traumatische Verletzungen, während Frauen eher chronische Überlastungsschäden entwickeln“, erklärt Sänger. Das ist ein Muster, das sich in epidemiologischen Daten der Gendermedizin klar abzeichnet.
Anatomische Unterschiede verstärken diese Tendenzen: „Das Becken ist anders geformt, und die anatomischen Modelle basieren meist auf Männern.“ Frauen neigen dadurch eher zu einem dynamischen X‑Bein, weil ihre Muskulatur die Statik anders stabilisiert. Gleichzeitig wird die Osteoporose beim Mann häufig übersehen, da sie nicht dem gängigen Bild entspricht. Die Expertin arbeitet deshalb an speziellen Fragestellungen, bei denen es um Unterschiede bei Knorpelläsionen und der Behandlung geht.
Auch die Verletzungs- und Erkrankungsmuster unterscheiden sich deutlich: Frauen haben häufiger Hypermobilität, ein weicheres Bindegewebe und ein höheres Risiko für degenerative Veränderungen, während Männer durch mehr Muskelmasse und risikoreiches Verhalten eher akute Traumata erleiden. Frauen erleiden zudem häufiger Kreuzbandrisse, Männer weisen bei Brüchen des Schenkelhalses eine höhere Mortalität auf und landen früher im Pflegeheim.
Hormone: Die unterschätzte Kraft im Bewegungsapparat
Die Unterschiede in orthopädischen Beschwerdebildern sind nur ein Teil des Gesamtbildes. Besonders eindrücklich wird die geschlechtssensible Perspektive, sobald der Blick auf die hormonellen Einflüsse fällt. Denn Hormone steuern nicht nur den Stoffwechsel und die Stimmung, sie prägen auch den Bewegungsapparat, die Schmerzverarbeitung und die Regenerationsfähigkeit. Übergangsphasen wie Pubertät, Schwangerschaft, Wochenbett und Menopause verändern die orthopädische Vulnerabilität von Frauen teils drastisch.
Besonders deutlich werden die Unterschiede in hormonellen Übergangsphasen. „Hormone sind ein Riesenthema in der Menopause. Die Patientinnen merken den Abfall von Östrogen und Progesteron deutlich“, erläutert Sänger. Mit dem Absinken dieser Hormone verändern sich Bindegewebe, Muskelkraft, Schmerzempfinden und die Fähigkeit des Körpers, Mikroverletzungen zu reparieren.

(Foto: Universität Greifswald)
Dr. Rebecca Sänger ist Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie an der Universitätsklinik Greifswald. Zu ihren klinischen Schwerpunkten gehören Sportorthopädie, gelenkerhaltende Kniechirurgie und geschlechtssensible Medizin.
Ein junges, aber zunehmend relevantes Konzept ist das muskuloskelettales Syndrom der Menopause: ein Zusammenspiel aus Osteoporose, verringerter Reparaturfähigkeit sowie Muskel- und Gelenkschmerzen. „Viele Patientinnen können ihre Beschwerden nicht zuordnen und sind verzweifelt, weil klassische orthopädische Diagnosen nicht greifen oder auch betreuende Ärztinnen und Ärzte nicht ausreichend Wissen zu diesem Thema haben“, so die Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie. Die Therapie ist komplex, oft interdisziplinär, und die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen.
Frauen und Männer reagieren unterschiedlich auf Schmerzen
Bei orthopädischen Verletzungen rückt schnell das Thema Schmerz in den Mittelpunkt – und damit die Frage, wie unterschiedlich Frauen und Männer Schmerzen wahrnehmen und verarbeiten. Diese Unterschiede sind gut belegt und haben direkte Konsequenzen für Diagnostik und Therapie. Frauen haben eine niedrigere Schmerzschwelle, reagieren sensibler auf Schmerzreize und entwickeln häufiger chronische Beschwerden, während Männer Schmerzen eher bagatellisieren und dadurch Risiken wie verspätete Diagnosen oder Chronifizierung erhöhen.
Auch die medikamentöse Behandlung zeigt deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. „Morphin benutze ich bei Frauen weniger gerne. Sie klagen häufiger über Nebenwirkungen wie Übelkeit und neigen stärker zu Abhängigkeiten“, sagt Sänger. Frauen metabolisieren manche Wirkstoffe langsamer und benötigen oft niedrigere Dosierungen, während Männer häufiger von standardisierten Schemata profitieren. Bei Ibuprofen achtet die Expertin deshalb auf individuelle Faktoren: „Es gibt nicht die eine Dosierung. Wenn 200 mg ausreichen, ist das gut.“ Männer zeigen häufiger akute traumatische Schmerzen, Frauen eher diffuse, länger anhaltende Beschwerden – ein Muster, das die Therapieplanung maßgeblich beeinflusst.
Diese Unterschiede sind auch das Ergebnis historischer Schieflagen: Die Medizin ist jahrzehntelang von Männern für Männer gemacht worden, Studien wurde jahrzehntelang überwiegend an männlichen Probanden durchgeführt, weibliche Besonderheiten blieben untererforscht, was teilweise zu Fehltherapien führte.
Ein Fachgebiet, das lange blind war
Die geschlechtssensible Medizin ist in Deutschland ein junges Feld, erst seit rund 30 Jahren findet sie langsam Eingang in Forschung und Versorgung. Dass die AG Geschlechtssensible Medizin in der Orthopädie und Unfallchirurgie erst 2025 gegründet wurde, überrascht daher kaum. Sänger erinnert sich: „Es hat fast drei Jahre gedauert, die AG zu gründen. Anfangs gab es viel Skepsis und Missverständnisse. Wir haben zu dritt dafür gekämpft und es dann geschafft.“
Die Orthopädie ist traditionell männlich geprägt. „Was einen selbst nicht betrifft, interessiert einen oft nicht“, so die Expertin. Forschungsgelder flossen lieber in Themen mit hohem Impact‑Factor (Anm. d. Red.: Der Impact‑Factor misst, wie häufig Artikel einer Fachzeitschrift im Durchschnitt zitiert werden und ist ein Indikator für deren wissenschaftliche Bedeutung), geschlechtsspezifische Unterschiede galten lange als „fachlich wenig attraktiv“. Dabei zeigt die Datenlage seit Jahren, dass die Unterschiede häufig klinisch signifikant sind und eine geschlechtssensible Therapie das Leben der Frauen verbessern kann.
Apotheken als Schlüsselstelle
Gerade in der Selbstmedikation können Apotheker:innen und PTA viel bewirken. Sänger weist daraufhin, dass Phytoöstrogene wahrscheinlich helfen den Knorpel aufzubauen. „Auch eine antientzündliche Ernährung ist sinnvoll.“ Hintergrund ist, dass entzündliche Prozesse Schmerzen verursachen und den Abbau des Knorpels beschleunigen können.
Da Frauen häufig eine niedrigere Dosierung bei Schmerzmitteln benötigen, kann bei OTC-Präparaten zur niedrigsten therapeutischen Dosierung geraten werden, beispielsweise können auch schon 200 mg Ibuprofen bei Frauen als Einzeldosis ausreichen.
Im Rahmen der pharmazeutischen Beratung ist es laut der Expertin sehr wichtig, Symptome richtig einzuordnen und Patientinnen gegebenenfalls an die Orthopädie oder gynäkologische Endokrinologie weiterzuleiten.
Fazit: Geschlechtssensible Orthopädie ist kein Nischenthema
Diese Vielfalt an Unterschieden zeigt, warum geschlechtssensible Orthopädie kein Randthema ist, sondern ein zentraler Bestandteil moderner, individueller Medizin. Die Orthopädie steht damit am Anfang eines Paradigmenwechsels. Geschlechtssensible Medizin bedeutet nicht, Unterschiede zu überhöhen, sondern sie endlich ernst zu nehmen. Sänger bringt es auf den Punkt: „Wenn das Thema in der Bevölkerung präsent ist, findet ein Umdenken statt.“
Das Gespräch wurde am 21.06.2026 geführt.
