Die Reform, die sich nicht traut
Mehr Verantwortung für PTA – aber bitte nur in engen Grenzen? Die geplante Apothekenreform klingt nach Aufbruch, wirkt im Alltag aber oft wie Vertrauen mit angezogener Handbremse.
Sechs Kilometer Vertrauen
Manchmal frage ich mich, ob Reformen eigentlich am Schreibtisch entstehen, oder auf einer Landkarte. Da wird groß angekündigt, Apotheken sollten mehr Verantwortung übernehmen, neue Leistungen anbieten, flexibler werden. Klingt gut. Klingt modern. Klingt nach Anerkennung. Bis man genauer hinschaut und merkt: Das Vertrauen reicht offenbar genau sechs Kilometer weit.
Denn erfahrene PTA sollen einen Apothekenbetrieb unter bestimmten Voraussetzungen vorübergehend aufrechterhalten dürfen, aber nur in ländlichen Regionen, nur mit Genehmigung, nur zeitlich begrenzt auf maximal 10 Tage am Stück und 20 Tage im Jahr (was passiert an Tag 21?), und offenbar nur dort, wo die nächste Apotheke weit genug entfernt ist. Sechs Kilometer. Da möchte man fast den Zirkel aus der Schublade holen und nachsehen, ob man leider nur 5,9 Kilometer auseinanderliegt oder die willkürliche Grenze sogar überschreitet.
Ist Kompetenz eine Frage der Entfernung?
Was soll das eigentlich heißen? Ist Kompetenz jetzt eine Frage der Entfernung? Wird eine PTA bei 6,1 Kilometern plötzlich verantwortungsbewusster als bei 5,9? Oder geht es am Ende doch weniger um Qualifikation als um eine politische Beruhigungspille: Wir tun etwas für die Versorgung, aber bitte so eng, dass bloß niemand nervös wird.
Dabei ist der Alltag längst weiter. PTA beraten, prüfen, erklären, telefonieren Rezepten hinterher, jonglieren Lieferengpässe, retten Kundinnen und Kunden durch Rabattvertragslabyrinthe und halten in vielen Teams den Laden praktisch mit zusammen. Aber wenn es formal wird, zieht man die Leine wieder kurz. Dann heißt es: Ja, Verantwortung – aber nur ein bisschen. Ja, Vertrauen – aber mit Sicherheitsabstand.
Packmittelprüfung weiterhin Apotheker:innensache
Noch absurder wird es, wenn man auf andere Baustellen schaut. Für manche kleinsten Kinkerlitzchen braucht es weiterhin die approbierte Letztkontrolle, als würde ohne diesen Blick kein Deckel auf eine Kruke passen. Natürlich geht es bei Packmitteln um Qualität. Natürlich soll nichts leichtfertig freigegeben werden. Aber die Botschaft ist schief: Im Alltag wird Kompetenz erwartet, im Regelwerk wird sie misstrauisch beäugt.
Ähnlich sieht es beim Impfen aus. PTA sollen künftig nach Schulung Impfungen verabreichen dürfen. Das klingt zunächst nach einem echten Schritt. Bis man liest, dass Aufklärung, Anamnese, Einwilligung und Dokumentation bei Approbierten bleiben sollen. Überspitzt gesagt: Die Hand darf die Spritze setzen, aber Kopf, Gespräch und Verantwortung bleiben woanders. Das wirkt nicht wie Vertrauen. Das wirkt so, als hätten approbierte Kolleg:innen Angst gehabt, beim Verteilen der Aufgaben zu kurz zu kommen.
Venöse Blutabnahme – der nächste Zankapfel
Und dann die venöse Blutabnahme. Auch hier verstehe ich den Gedanken: Apotheken sind niedrigschwellig erreichbar, oft näher an den Menschen als jede Praxis mit langer Patient:innen-Warteschleife. Aber man muss kein Prophet sein, um die Konflikte mit der Ärzteschaft kommen zu sehen. Wer erklärt den Patientinnen und Patienten, was die Blutabnahme in der Apotheke leisten kann – und was eben nicht? Wer fängt den Ärger ab, wenn danach trotzdem ein Arzttermin nötig ist? Richtig: das Team vor Ort.
Was mich stört, ist nicht die Weiterentwicklung der Apotheke. Im Gegenteil. Apotheken können mehr als Packungen abgeben. Und PTA können mehr, als manche ihnen zutrauen. Aber diese Reform sendet ein widersprüchliches Signal: Wir brauchen euch, aber wir vertrauen euch nur unter Vorbehalt. Wir erweitern Aufgaben, aber nicht konsequent. Wir reden von Entlastung und bauen neue Reibungsflächen ein.
Was am dringendsten gebraucht würde
Vielleicht wäre der ehrlichere Maßstab nicht die Entfernung zur nächsten Apotheke, sondern die Fähigkeit der Menschen, die dort arbeiten. Ich meine damit Erfahrung, Fortbildung, Teamstruktur, Verantwortung und Kompetenz. Aber das lässt sich offenbar schlechter in Kilometer umrechnen. Und so bleibt bei mir der Eindruck einer Reform, die nach Aufbruch klingt, aber an vielen Stellen im Misstrauen stecken bleibt. Für PTA ist das kein Ritterschlag, sondern vielmehr ein Schulterklopfen mit angezogener Handbremse. Den Apotheken fehlt auch weiterhin das wichtige Geld zum weitermachen – aber das will in Zeiten des Sparzwanges sowieso kein Politiker hören.