Urlaubsärger: Immer dieselben verzichten
Urlaubsplanung bedeutet dicke Luft: Eltern brauchen Ferien, Kinderlose Erholung. Die Apothekenspitzel:in sieht immer dieselben zurückstecken.
Ferien sind kein Elternmonopol
Es gibt Sätze, bei denen im Teamraum sofort die Luft dünner wird. Einer davon lautet: „Ich brauche die dritte und vierte Augustwoche, wegen der Kinder.“ Meistens sagt das niemand böse. Oft sogar mit entschuldigendem Blick über den Rand der Kaffeetasse. Trotzdem passiert dann etwas Interessantes: Alle anderen schauen kurz auf den Urlaubsplan, besinnen sich auf ihre eigenen Wünsche, auf die roten Markierungen in den Schulferien und denken sich ihren Teil.
Ich beobachte dieses Ritual jedes Jahr. Spätestens im Frühjahr liegt der Plan aus, und plötzlich wird aus einem Team, das gemeinsam Lieferengpässe, Rabattverträge und Notdienstwochen übersteht, eine kleine diplomatische Krisenrunde. Eltern gegen Kinderlose? Ganz so einfach ist es nicht. Aber manchmal fühlt es sich gefährlich danach an.
Eltern im Zugzwang
Natürlich haben Eltern echte Zwänge. Kita-Schließzeiten sind keine Lifestyle-Entscheidung und Schulferien kann man nicht verschieben, nur weil in der Apotheke gerade zwei Leute fehlen. Wer Kinder hat, kann nicht einfach sagen: „Dann fahre ich halt im November weg.“ Zumindest nicht, wenn die Kinder schulpflichtig sind und nicht als Handgepäck durchgehen. Das verstehe ich, wirklich.
Wen ich aber auch verstehe ist die Kollegin ohne Kinder, die seit drei Jahren keinen Sommerurlaub mehr hatte. Den Kollegen, der immer zwischen Oktoberregen und Februargrau verreist, weil er ja angeblich „flexibler“ ist. Die Mitarbeiterin, die Weihnachten jedes Jahr einspringt, weil andere „Familie haben“ – als hätte sie selbst keine. Keine Kinder zu haben bedeutet nicht, keine Bindungen, keine Erschöpfung, keine Sehnsucht nach Sonne und keine Feiertage zu haben.
Apotheken sind besondere Arbeitsplätze
In der Apotheke wird dieses Dilemma noch dadurch verschärft, dass wir nicht einfach den Laptop zuklappen und sagen: „Bin dann mal weg.“ Die Tür muss ja aufgehen, da wir eine Pflicht der Allgemeinheit gegenüber haben. Der Notdienst muss besetzt sein. Rezeptur, HV, Heimversorgung, Botendienst, alles muss ja immer weiterlaufen.
Und so beginnt jedes Jahr dasselbe stille Rechnen: Wer hat Kinder? Wer war letztes Jahr dran? Wer hat Weihnachten gearbeitet und wer zu Ostern? Wer ist in Teilzeit, wer in Vollzeit da? Wer kann überhaupt am Nachmittag vertreten, wenn ohnehin die Personaldecke dann am dünnsten ist? Und wer ist schon wieder so großzügig, dass alle sich daran gewöhnt haben und man schon von ausnutzen sprechen kann?
Oft sind es die gleichen, die immer zurückstecken
Genau da liegt das Problem. Fairness darf nicht von der Lautstärke des Bedürfnisses abhängen. Und auch nicht davon, wer sich am schlechtesten abgrenzen kann. Wenn immer dieselben verzichten müssen, kippt ihre Hilfsbereitschaft irgendwann in Verbitterung.
Vielleicht bräuchten wir in den Apotheken weniger moralische Debatten und mehr klare Regeln. Zum Beispiel: Ferienzeiten müssen immer rotieren. Weihnachten und Silvester werden nachvollziehbar verteilt. Wer in einem Jahr Vorrang hatte, tritt im nächsten zurück. Besondere Lebenssituationen zählen, aber eben nicht nur Kinder. Auch Pflege, Fernbeziehungen, Erschöpfung, runde Geburtstage oder der einzige gemeinsame Urlaub mit dem Partner können wichtig sein.
Urlaub ist für alle da
Denn die Wahrheit ist: Alle brauchen Erholung, nicht nur die Eltern und nicht nur die, die am lautesten seufzen. In einem Beruf, in dem man täglich freundlich bleiben soll, obwohl das Rezept schon wieder falsch ausgestellt, und der Kunde ungeduldig ist, ist Urlaub kein Luxus. Ich glaube nicht, dass Eltern automatisch bevorzugt werden sollten. Ich glaube aber auch nicht, dass man ihre Zwänge wegdiskutieren kann. Gute Urlaubsplanung beginnt dort, wo niemand seinen Lebensentwurf verteidigen muss.
Vielleicht wäre das der ehrlichste Satz für den nächsten Plan im Teamraum: Wir machen es nicht allen perfekt recht. Aber wir achten darauf, dass nicht immer dieselben zurückstecken. Und falls das nicht klappt, hilft vielleicht eine neue Regel: Wer den Urlaubsplan am meisten kritisiert, darf ihn nächstes Jahr schreiben.