Frei ist frei – oder doch nicht?
Dienstplan, Urlaub, Teamsitzung: Immer mehr Apotheken-Apps funken auch nach Feierabend dazwischen. Die Apothekenspitzel:in fühlt sich manchmal wie in digitaler Rufbereitschaft.
Pling! Plopp! Ping! – Wenn die Apotheke mit nach Hause kommt
Eigentlich habe ich endlich mal wieder frei. So richtig frei, eine Woche lang. Kein HV. Keine Rezeptur. Keine Lieferengpässe. Keine Diskussionen über Rabattverträge. Keine Kundin, die „nur mal schnell“ ihren Blutdruck gemessen haben möchte.
Es ist Montagmorgen, der Kaffee steht auf dem Tisch, die Zeitung liegt bereit. Pling. Neue Nachricht: „Bitte denkt daran, den Mülleimer im Labor regelmäßig zu leeren.“ Ich denke kurz darüber nach, ob das Labor inzwischen ein Eigenleben entwickelt hat, dann lege ich das Handy wieder weg.
Apotheken-Apps melden sich auch nach Feierabend
Plopp. „Neue AMK-Mitteilung.“ Ping. „Bitte stimmt noch den Termin für die nächste Teamsitzung ab.“ Ding. „Hat jemand die Ratiopharm-Bestellung schon abgeschickt?“ Ich schaue auf den Kalender. Tatsächlich. Es ist immer noch mein freier Tag in meiner freien Woche. Früher blieb die Apotheke in der Apotheke.
Man schloss die Tür hinter sich und ging nach Hause. Wer frei hatte, hatte frei. Wer Urlaub hatte, war im Urlaub. Und wenn die Chefin etwas wollte, musste sie entweder bis morgen warten oder tatsächlich anrufen. Heute wohnen die Apotheken in unseren Hosentaschen, denn für alles gibt es inzwischen eine App: Dienstplan-App, Urlaubs-App, Kommunikations-App, Qualitätsmanagement-App, Fortbildungs-App, Hersteller-App, Großhandels-App und Gesundheits-App.
Manchmal frage ich mich, ob es inzwischen eine App gibt, die mir mitteilt, welche meiner anderen Apps ich dringend aktualisieren muss und welche obsolet ist. Das Display meines Handys jedenfalls sieht fast aus wie die Sichtwahl einer mittelgroßen Apotheke.
Manche Apps haben durchaus Vorteile
Natürlich haben viele dieser Anwendungen Vorteile. Ich kann abends auf dem Sofa nachschauen, mit wem ich morgen arbeite. Ich kann meinen Urlaub oder den Überstundenausgleich beantragen, ohne extra ins Büro zu laufen. Ich kann Schichten tauschen, Informationen nachlesen oder wichtige Mitteilungen erhalten. Das ist praktisch – zumindest theoretisch.
Praktisch bedeutet es oft, dass die Arbeit plötzlich keinen festen Ort mehr hat. Sie sitzt beim Abendessen mit am Tisch, sie fährt mit in den Urlaub und sie meldet sich gerne montagtagmorgens um halb zehn, wenn ich eigentlich frei habe. Die große Frage lautet deshalb: Muss man das eigentlich lesen?
Manche Kolleginnen beantworten Nachrichten innerhalb weniger Minuten, egal ob Arbeitstag, Wochenende oder Urlaub. Andere schalten sämtliche Benachrichtigungen konsequent aus sobald sie die Apotheke verlassen haben. Und zwischen beiden Lagern herrscht gelegentlich fast so viel Diskussionsbedarf wie zwischen rauchenden und nichtrauchenden Kolleg:innen oder zwischen kinderlosen und den Eltern schulpflichtiger Kinder, wenn es um den Urlaub geht.
Bei den Apps scheiden sich die Geister
Die einen sagen: „Wenn ich die App habe, schaue ich natürlich rein.“ Die anderen sagen: „Wenn ich frei habe, habe ich frei.“ Beide haben irgendwie recht, denn natürlich darf eine Apotheke Informationen verteilen. Schließlich müssen Teams organisiert werden. Aber nur weil eine Nachricht verschickt werden kann, bedeutet das noch lange nicht, dass sie sofort gelesen werden muss.
Viele Arbeitsrechtler sehen das übrigens ähnlich. Wer keine Rufbereitschaft hat, muss außerhalb seiner Arbeitszeit grundsätzlich nicht ständig erreichbar sein. Eine App auf dem Handy ist noch kein digitaler Bereitschaftsdienst, und trotzdem entsteht oft genau dieses Gefühl. Man möchte nichts verpassen: keine wichtige Information, keine Dienstplanänderung, keine Nachricht der Chefin. Also schaut man doch wieder nach. Nur ganz kurz. Bis das nächste Pling kommt.
Was Freizeit eigentlich bedeutet
Vielleicht liegt die Lösung gar nicht in neuen Regeln oder noch einer zusätzlichen App. Vielleicht wäre es schon ein Anfang, wenn wir uns wieder daran erinnern, was Freizeit eigentlich bedeutet. Nämlich Zeit, in der man nicht an die Apotheke denken muss. Zeit, in der der Mülleimer auch mal ohne uns existieren darf. Unser Gehirn unterscheidet nämlich nicht besonders gut zwischen echter Arbeit und dem ständigen Gefühl, jederzeit reagieren zu müssen. Wer nie abschaltet, bleibt dauerhaft im Bereitschaftsmodus, auch in der Freizeit Und falls gerade dann eine neue AMK-Mitteilung eingetroffen ist: Sie wird morgen vermutlich immer noch da sein.