Die Taschentuchsaison ist eröffnet

Es geht wieder los: schniefende Nasen, heisere Stimmen und Taschentücher in jeder Jackentasche. Der Herbst ist da, und mit ihm die alljährliche Jagd nach trockenen Ärmeln.

Jede:r Zweite klingt plötzlich wie eine defekte Kaffeemaschine 

Sonntagmorgen. Die Luft ist frisch, die Bäume werden bunt und die ersten Menschen laufen wieder mit diesem ganz bestimmten Gesichtsausdruck durch die Gegend. Sie haben einen leicht glasigen Blick, eine rote Nasenspitze und die stille Hoffnung, dass niemand merkt, wie oft sie in den letzten drei Minuten geschnieft haben. 

Der Herbst hat offiziell begonnen: nicht kalendarisch, sondern taschentuchtechnisch. 

Denn kaum sinken die Temperaturen unter die magische Grenze von „noch T-Shirt oder schon Strickjacke?”, tauchen sie überall auf: die Schnupfennasen. In der Straßenbahn, im Supermarkt, beim Bäcker und natürlich in der Apotheke. 

Dort stehen sie dann vor dem HV-Tisch und beginnen den Satz mit den berühmten Worten: „Mein Bus kommt gleich, ich brauche nur schnell ...” Wir wissen alle, wie die Geschichte endet – ein Nasenspray. 

Die Rückkehr der Taschentuchwirtschaft 

Es gibt Gegenstände, deren Bedeutung man erst erkennt, wenn sie fehlen: Hausschlüssel, Handyladekabel und Taschentücher. 

Von einem Tag auf den anderen wird aus dem netten Accessoire am Taschenboden ein lebensnotwendiger Gebrauchsgegenstand. Plötzlich besitzt jede Handtasche mindestens ein Päckchen, manche sogar zur Sicherheit zwei. Man kann ja nie wissen! 

Erfahrene Herbstmenschen entwickeln zudem bemerkenswerte Vorratshaltungen. Taschentücher finden sich im Auto, in der Jackentasche, im Rucksack, im Schreibtisch und gelegentlich sogar in der Hosentasche vom letzten Wintermantel. Archäolog:innen würden darin vermutlich eine eigenständige Kulturstufe erkennen. 

Das große Schniefkonzert 

Die Geräuschkulisse des Herbstes wird häufig unterschätzt. Während andere Jahreszeiten auf Vogelgezwitscher oder Grillenzirpen setzen, präsentiert uns der Oktober eine eigene Symphonie aus Räuspern, Husten und diskretem Nasenziehen. 

Besonders faszinierend ist dabei die kollektive Dynamik. Beginnt eine Person im Wartebereich zu schniefen, dauert es selten länger als fünf Sekunden, bis sich mindestens zwei weitere Menschen ihre Nase reiben. Es scheint eine Art Reflex zu sein. Fast so, als würden Erkältungsviren inzwischen auch über reine Suggestion arbeiten. Wissenschaftlich belegt ist das vermutlich nicht, gefühlt aber durchaus. 

Die Apotheke als Frühwarnsystem 

Während andere Menschen noch darüber diskutieren, ob der Sommer wirklich vorbei ist, kennt die Apotheke die Wahrheit längst. 

Die ersten Anzeichen kommen zuverlässig: mehr Nasensprays, mehr Halstabletten, mehr Fragen nach Zink, Vitamin C und „irgendwas für die Abwehrkräfte". Und natürlich ein sprunghaft steigender Bedarf an Taschentüchern. Sie werden dankend entgegengenommen, denn „die braucht man immer”. 

Wer im HV arbeitet, braucht keinen Wetterbericht. Ein Blick auf die Nachfrage genügt. Wenn innerhalb eines Vormittags fünf Kundinnen und Kunden gleichzeitig nach Mitteln gegen Halskratzen fragen, ist klar: Der Herbst hat seine Visitenkarte bereits abgegeben. 

Ein Hoch auf die kleinen Alltagshelden 

Taschentücher gehören vermutlich zu den unterschätztesten Produkten. Sie sind Tröster, Rettungsanker und Notfallausrüstung zugleich. Sie verschwinden in Ärmelbündchen, Hosentaschen und Handtaschen, werden verliehen, vergessen und überraschend wiedergefunden. 

Und obwohl wir jedes Jahr aufs Neue überrascht tun, wissen wir doch alle: Die Saison kommt zuverlässig zurück. So wie fallende Blätter, Kürbissuppe und die erste Diskussion darüber, ob man jetzt schon die Heizung anstellen darf. 

In diesem Sinne: Halte deine Taschentuchvorräte griffbereit, schenke schniefenden Kundinnen und Kunden ein verständnisvolles Lächeln und genieße den Herbst. 

Denn eines ist sicher: Die Taschentuchsaison ist eröffnet und wir sitzen alle in der ersten Reihe. 🍂🤧 

 

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