Apotheke vor Ort? Ja – aber bitte zum Internetpreis!
„Ich zahle nur Shop-Apotheke-Preise“, hört unsere Apothekenspitzel:in nach bester Beratung. Was macht man, wenn Kund:innen den Warenkorb mitbringen? Eine Kolumne aus dem echten Apothekenleben.
Der Einkaufszettel
Die Türglocke macht pling und ich weiß sofort: Das wird heute wieder so ein anstrengender Tag. Nach zwanzig Jahren im Beruf bekommt man irgendwann ein Gespür dafür. Dann kommt sie rein. Zielstrebig. Mit einem Einkaufszettel, den sie fest in der Hand hält. „Guten Morgen“, sage ich. Sie klappt den Zettel auf. „Ich lese einfach mal vor: Nasenspray, Husten, Hals, Vitamin C. Und eine Gesichtscreme bei Rosacea. Und noch was fürs Immunsystem.“ Aha. Der Klassiker. Ein kompletter Erkältungsbaukasten plus Hautthema – und ich bin offiziell in meinem Element.
Ich mache das, was wir alle machen: zwei, drei Fragen. Wie lange schon? Trocken oder produktiv? Blutdruck? Was triggert die Rosacea? Was wird nicht vertragen? Ich stelle ihr die Auswahl hin, erkläre kurz, warum ich diese Produkte empfehle. Gebe weitere Ratschläge. Sie macht kleine Häkchen auf dem Zettel. Ich mag Häkchenmenschen. Häkchenmenschen wollen erledigen, nicht diskutieren.
„Gut“, sagt sie. „Dann nehme ich das.“ Wir gehen zur Kasse, ich freue mich schon auf den Moment, in dem ein Vorgang einfach mal … endet. Und dann endet er natürlich nicht. Sie sucht nicht nach dem Portemonnaie. Sie sucht nach ihrem Handy. Sie sucht nach Preisen.
Also doch: Häkchenmenschen diskutieren auch!
„So“, sagt sie, und ihre Stimme wird plötzlich sehr sachlich. „Ich zahle dafür nicht mehr als bei Shop Apotheke. Ich kann die Preise sehen.“ Da ist er also. Der zweite Einkaufszettel. Der unsichtbare. Der, der immer dabei ist, auch wenn niemand ihn erwähnt: der Online-Warenkorb. Ich atme ein: „Ich verstehe absolut, dass Sie vergleichen“, sage ich. „Gerade jetzt.“
„Für mich ist auch alles teurer geworden“, sagt sie sofort. Miete. Strom. Lebensmittel. Das ganze Programm. Sie sagt es nicht aggressiv, eher endgültig – als gäbe es darüber keine zweite Meinung. Die Filialleiterin Kirsten steht inzwischen neben mir wie ein Backup-System. Ich schaue kurz auf das anklagend vorgehaltene Handydisplay. Die typischen Unterschiede: hier ein paar Euro, da ein paar Euro.
„Ich kann Ihnen anbieten, dass wir schauen, ob es günstigere Alternativen gibt – gleiche Richtung, anderer Hersteller. Und ich gehe gern mit Ihnen durch, was Sie wirklich brauchen.” Sie schüttelt den Kopf. Kirsten räuspert sich. „Wir sind eine Apotheke vor Ort“, sagt sie, und ich weiß schon, was kommt, noch bevor es kommt: „… und das sind auch Frauenarbeitsplätze …“
„Das interessiert mich nicht“, unterbricht die Kundin. „Entweder ich bekomme die Preise – oder ich gehe.“ Es ist einer dieser Momente, in denen man merkt, wie still eine Offizin sein kann. Ich spüre, wie ich überlege, ob ich jetzt eine Rede halten sollte. Über Beratung. Über Verfügbarkeit. Über Notdienst. Über all die Dinge, die man nicht in einen Warenkorb klicken kann. Und dann denke ich: Komm, ich lasse es.
Was ich ihr vorschlage
„Okay“, sage ich ruhig. „Dann entscheiden Sie: Was brauchen Sie heute wirklich – und was kann warten?“ Sie zögert genug, dass ich sehe: Es ist nicht nur Trotz. Es ist wirklich Druck. Vielleicht Geld. Vielleicht Prinzip. „Das Nasenspray“, sagt sie. „Und … das Hustenzeug für nachts.“ „Alles klar“, sage ich. „Dann machen wir das so.“ Die Kundin bezahlt. Sie ist nicht glücklich, aber sie ist auch nicht siegreich.
Nach dem Sturm: ein Moment echter Wertschätzung
Als sie geht, schaut mich Kirsten an. „Du warst erstaunlich ruhig.“ „Ich war kurz davor, ihr zu erklären, wie Fixkosten funktionieren“, murmele ich. Ich räume den Ausdruck weg, den die Kundin dagelassen hat. Und ich denke: Vielleicht ist gar nicht der Preis das Problem. Vielleicht ist es dieses Gefühl, dass niemand mehr weiß, wofür man eigentlich bezahlt.
In dem Moment kommt die nächste Kundin rein, eine junge Mutter mit Kind auf dem Arm und diesem Blick, der sagt: Ich habe alles versucht. Jetzt sind Sie dran. „Gott sei Dank, sind Sie da“, sagt sie. Ich lächle. Manchmal ist das die ehrlichste Preisdiskussion, die man bekommen kann.
AMIRA fragt: Hast du eine ähnliche Erfahrung gemacht? Teile deine Erlebnisse mit deinen Kolleg:innen!