Teilzeit – und voller Einsatz
Teilzeit ist kein Makel – erst recht nicht in Apotheken. In dieser Kolumne schildert unsere Apothekenspitzel:in, warum die politische Debatte an der Realität vorbeigeht und Teilzeitkräfte mehr Anerkennung verdienen.
Zwischen Ideal und Realität: Die Teilzeit-Debatte kocht hoch
Die aktuelle politische Debatte über Teilzeitbeschäftigung verfolgt mich seit Längerem – in den Nachrichten, in Diskussionen unter Kolleginnen und sogar in Gesprächen mit Familie und Freunden. Immer wieder tauchen dieselben pauschalen Vorwürfe auf: Teilzeitkräfte würden Jobs blockieren, seien unflexibel oder würden sich vor Verantwortung drücken. Und jedes Mal spüre ich, wie mein Nacken hart wird. Denn ich arbeite selbst in Teilzeit. Und ich weiß, wie weit diese Vorurteile von unserer Realität in Apotheken entfernt sind.
In Apothekenteams ist Teilzeit längst kein Ausnahmefall, sondern Alltag – und ehrlich gesagt: ein zentraler Baustein für ein funktionierendes Versorgungssystem. Ohne die vielen Kolleginnen und Kollegen, die aus guten Gründen kürzer treten, würde bei uns gar nichts mehr laufen. Trotzdem liest und hört man nun aus Teilen der Politik, insbesondere aus der CDU, dass Teilzeit zu einem volkswirtschaftlichen Problem geworden sei. Dass wir mehr arbeiten müssten, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Klingt theoretisch gut, ignoriert aber die gelebte Praxis – und vor allem die Lebensrealitäten der Menschen.
Warum so viele in Apotheken Teilzeit arbeiten
Wer jemals in einer Apotheke gearbeitet hat, weiß: Das ist kein „halber Job“, selbst wenn offiziell weniger Stunden im Vertrag stehen. Wir jonglieren mit komplexer Beratung, Notdiensten, Lieferengpässen, Bürokratiewellen und emotionalen Ausnahmesituationen unserer Kundschaft. Viele von uns arbeiten Teilzeit, weil wir privat eine zweite Schicht haben: Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, ehrenamtliche Verpflichtungen oder schlicht den Wunsch, die eigene Gesundheit nicht aufs Spiel zu setzen.
Besonders in unserem Beruf ist dieser Balanceakt eine Voraussetzung dafür, die hohe Konzentration und Verantwortung dauerhaft tragen zu können und Fehler zu reduzieren. Es geht nicht um weniger Einsatz – es geht um nachhaltig arbeitsfähige Menschen. Und genau deshalb ist es enttäuschend, wenn die Debatte so tut, als sei Teilzeit ein Luxusproblem oder Ausdruck mangelnder Leistungsbereitschaft. Für mich fühlt sich das an wie ein Schlag ins Gesicht.
Der wahre Schaden: Fehlende Wertschätzung statt „falscher Arbeitszeit“
Was in der politischen Debatte fast völlig untergeht: Die wahren Probleme der Arbeitswelt werden durch solche Vorwürfe nicht gelöst. Wir brauchen weniger Bürokratie, bessere digitale Strukturen, mehr finanzielle Ausstattung der Apotheken und ein realistisches Bild davon, was Teams vor Ort leisten. Stattdessen wird an Stellschrauben gedreht, die weder Apotheken stärken noch Menschen entlasten. Was viele auch vergessen: Teilzeitkräfte können meinen Beobachtungen zufolge häufiger einspringen als Vollzeittätige, bei einer 39-Stunden-Woche ist man ja ohnehin von der Stundenzahl her schon ziemlich ausgelastet.
Für mich persönlich ist Teilzeit ein bewusst gewähltes Arbeitsmodell – keines, das ich mir „leider leisten muss“, sondern eines, das es mir ermöglicht, im Job konzentriert und zuverlässig zu sein, während ich meinen privaten Verantwortungen gerecht werde. Wenn die Politik dieses Modell abwertet, sendet sie eine klare Botschaft: dass unsere Care-Arbeit, unser Engagement und unsere Fähigkeit, mehrere Rollen gleichzeitig zu tragen, keinen gesellschaftlichen Wert haben.
Dabei halten gerade Teilzeitkräfte das System an so vielen Stellen zusammen – ob in den Apotheken, in Schulen, Pflegeeinrichtungen oder Vereinen. Wir sind keine Lückenfüller. Wir sind tragende Säulen.
Was wir wirklich brauchen – und was die Politik übersehen hat
Wenn wir über Lösungen reden wollen, dann sollten wir über Arbeitsbedingungen sprechen, über realistische Personalplanung, über eine gesicherte und günstige Kinderbetreuung, über bezahlbare Honorare und über ein Umfeld, in dem Menschen gerne arbeiten – egal ob in Vollzeit oder Teilzeit. In Apotheken sehen wir täglich, wie wichtig es ist, flexibel und menschlich zu planen. Dass man Menschen nicht in ein Raster pressen kann. Dass Teams dann gut funktionieren, wenn sie aus unterschiedlichen Lebensentwürfen bestehen.
Ich wünsche mir, dass diese Sichtweise auch in der Politik ankommt. Nicht als Appell, die Reformvorhaben zu stoppen oder radikal umzuschreiben – sondern als Einladung, die Diskussion endlich differenzierter zu führen. Teilzeitkräfte sind keine Bremse, sondern ein Motor. Ohne sie würde der Laden – unser Laden – schlicht nicht laufen. Vor allem sollte auch einmal den Leuten da oben klar sein, dass die meisten Menschen nicht faul sind, sondern dass es für sie meist finanziell nicht lohnenswert ist, mehr arbeiten zu gehen.
Und wenn diese Debatte überhaupt etwas Gutes hat, dann vielleicht, dass wir lauter darüber sprechen, wie wertvoll unsere Arbeit ist. Auch, wenn sie „nur“ 20 oder 30 Stunden pro Woche auf dem Papier steht. Denn wir wissen es längst: Teilzeit heißt nicht halbe Kraft. Teilzeit heißt voller Einsatz – in allen Lebensbereichen.