Entzündung: Freund, Feind oder beides?
Entzündungen schützen den Körper, können aber auch krank machen. Was im Gewebe passiert, welche Laborwerte wichtig sind und was hinter „stillen Entzündungen“ steckt.
Entzündungen: Schutzprogramm mit Nebenwirkungen
Entzündungen haben einen schlechten Ruf, dabei sind sie zunächst einmal überlebenswichtig. Ohne Entzündungsreaktion würde der Körper auf Keime, Verletzungen oder Gewebeschäden kaum reagieren. Eine Entzündung ist also nicht per se etwas Schlechtes, sondern ein koordiniertes Abwehr- und Reparaturprogramm des Körpers. Problematisch wird sie allerdings dann, wenn sie überschießt, chronisch wird oder an der falschen Stelle stattfindet.
Woran man eine Entzündung erkennt
Klassisch gibt es fünf Entzündungszeichen: Rötung, Überwärmung, Schwellung, Schmerz und Funktionsverlust. Dahinter steckt Physiologie pur: Blutgefäße erweitern sich, die Durchblutung steigt und Gefäßwände werden durchlässiger. Dadurch gelangen Immunzellen, Plasmaproteine und Botenstoffe schneller ins Gewebe. Gleichzeitig werden auch Schmerzrezeptoren sensibilisiert. Was für die Betroffenen unangenehm ist, hat biologisch durchaus einen Sinn: Der betroffene Bereich wird geschont, Erreger werden bekämpft, abgestorbenes Gewebe wird abgeräumt und Reparaturprozesse werden gestartet.
Chemisch betrachtet ist eine Entzündung ein wahres Botenstoff-Orchester. Eine wichtige Rolle spielen Histamin, Prostaglandine, Leukotriene, Zytokine wie Interleukin-1, Interleukin-6 und TNF-alpha. Außerdem spielen auch sogenannte Komplementfaktoren und reaktive Sauerstoffspezies eine große Rolle. Nach einer Zellschädigung wird aus Membranphospholipiden Arachidonsäure freigesetzt. Daraus entstehen über Cyclooxygenasen Prostaglandine und Thromboxane, über Lipoxygenasen Leukotriene. Diese Mediatoren erklären viele typische Symptome, denn Prostaglandine fördern Schmerz, Fieber und Vasodilatation, Leukotriene sind unter anderem bei bronchialer Entzündung relevant, und Zytokine aktivieren weitere Immunzellen und stoßen in der Leber die Akute-Phase-Reaktion an.
Was gegen eine Entzündung hilft
Hier setzt die Pharmakologie an. Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen hemmen die Cyclooxygenasen und damit ebenfalls die Prostaglandinsynthese. Das erklärt ihre analgetische, antipyretische und antiphlogistische Wirkung, aber auch Nebenwirkungen an Magen, Niere und Herz-Kreislauf-System. Glucocorticoide dagegen greifen breiter ein: Sie dämpfen die Bildung zahlreicher Entzündungsmediatoren, hemmen die Immunzellaktivierung und senken die Gefäßdurchlässigkeit. Antihistaminika blockieren vor allem Histaminwirkungen bei allergischen Reaktionen. Bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen kommen zusätzlich gezielte Therapien infrage, etwa Biologika gegen TNF-alpha, Interleukine oder andere Signalwege.
Viele Krankheiten sind entzündlich geprägt. Ganz offensichtlich ist das bei Infektionen, Wunden, Tonsillitis, Zystitis oder Pneumonie. Aber auch Autoimmun- und chronisch-entzündliche Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Psoriasis, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Asthma oder Multiple Sklerose beruhen wesentlich auf fehlgeleiteter Immunaktivität. Selbst bei Atherosklerose, Typ-2-Diabetes, Adipositas oder Fettleber spielt eine chronische niedriggradige Entzündung eine Rolle. Wichtig ist dabei, dass nicht jede Entzündung auch gleichbedeutend mit einer Infektion ist und nicht jede Infektion automatisch ein Antibiotikum braucht.
Wie man Entzündungen erkennt
Im Blutbild erkennt man Entzündungen nur indirekt. Typisch kann eine Leukozytose sein. Bei bakteriellen Infektionen zeigt sich häufig eine Erhöhung der Leukozyten, insbesondere der neutrophilen Granulozyten. Diese sogenannten neutrophilen Granulozyten gehören zur ersten Abwehrlinie gegen Bakterien. Bei stärkerer Entzündungsreaktion kann außerdem eine Linksverschiebung auftreten: Dann finden sich vermehrt unreife Vorstufen neutrophiler Granulozyten im Blut, weil das Knochenmark rasch Nachschub bereitstellt. Virale Infekte zeigen dagegen häufiger normale oder erniedrigte Leukozyten oder eine relative Lymphozytose. Thrombozyten können bei länger dauernder Entzündung erhöht sein.
Streng genommen gehören CRP, BSG, Procalcitonin, Ferritin oder Fibrinogen nicht zum kleinen oder großen Blutbild, werden aber häufig ergänzend als Entzündungsparameter bestimmt. CRP steigt bei vielen akuten Entzündungen rasch an, ist aber unspezifisch. Procalcitonin kann bei der Einschätzung schwerer bakterieller Infektionen helfen, ersetzt aber nie die klinische Beurteilung.
Wichtig für die Beratung
„Stille Entzündungen“ meint meist chronische Low-grade-Inflammation: keine hochrote, schmerzhafte Schwellung, kein klassischer Infekt, sondern eine dauerhaft leicht aktivierte Immunlage. Mögliche Treiber sind viszerales Fettgewebe, Rauchen, Schlafmangel, chronischer Stress, Parodontitis, Bewegungsmangel oder bestimmte Stoffwechselstörungen. Für die Beratung ist wichtig, den Begriff nicht als ein Lifestyle-Schreckgespenst zu vermitteln. Sinnvoller ist folgende Einordnung für die Betroffenen: Entzündung ist ein Schutzmechanismus. Wird sie chronisch, kann sie zum Risikofaktor werden. Dann gehören Ursachenklärung, ärztliche Diagnostik und realistische Maßnahmen zusammen – nicht wahlloses „Entzündungsdetox“.