Die Kleinsten sparen mit

Zum Weltkindertag richtet die Apothekenspitzel:in den Blick auf die Kleinsten im Gesundheitswesen. Denn wenn gespart wird, gehören Kinder oft zu den Leidtragenden, obwohl sie weder Lobby noch Mitspracherecht haben.

Kinder haben viele Nachteile: Sie dürfen nicht wählen, sitzen selten in Talkshows und gründen nur äußerst unzuverlässig Interessenverbände. Dafür können sie etwas anderes hervorragend: die Folgen politischer Sparmaßnahmen ausbaden. 

Das ist, finde ich, eine bemerkenswerte Karriere für eine Bevölkerungsgruppe, die weder den Bundeshaushalt aufstellt noch jemals einen Änderungsantrag eingebracht hat. 

Die perfekte Zielgruppe für Sparmaßnahmen 

Wer sich fragt, warum Kinder im Gesundheitswesen regelmäßig das kürzere Ende des Sparstifts erwischen, muss nur einen Blick auf die Mechanik werfen. Gespart wird bevorzugt dort, wo der Widerstand überschaubar ist. Und Kinder haben bekanntlich keine Lobby. Sie haben Eltern. Das ist politisch leider nicht dasselbe. 

In der Apotheke lässt sich das wunderbar beobachten. Da stehen Mütter und Väter am HV-Tisch und suchen händeringend nach Fiebersaft, Antibiotika-Suspensionen oder kindgerechten Darreichungsformen. Oder müssen drei Wochen auf die offizielle Genehmigung der Krankenkasse für ein Inhalationsgerät warten, bei einem Spitzenpolitiker wäre das sicherlich „nicht zumutbar. Die Kinder selbst stehen daneben und interessieren sich hauptsächlich für den Lolli. 

Dabei sind Kinder pharmakologisch ausgesprochen anspruchsvolle Kund:innen. Sie brauchen andere Dosierungen, andere Wirkstärken, andere Arzneiformen und häufig deutlich mehr Zuwendung als Erwachsene. Wer schon einmal versucht hat, einem zweijährigen Kind zu erklären, warum das Antibiotikum wirklich eingenommen werden sollte, weiß: Das ist keine Standardversorgung. Das ist Hochleistungsmedizin mit Fruchtgeschmack. 

Trotzdem entsteht gelegentlich der Eindruck, als betrachte man Kinder im Gesundheitswesen eher als eine Art Randnotiz. Ein bisschen mitversorgt, ein bisschen mitgedacht und bei Gelegenheit auch mitgespart. 

Kurzfristig gespart, langfristig bezahlt 

Besonders perfide ist dabei, dass sich die Folgen oft erst Jahre später zeigen. Beispielsweise gehört Gesundheitsbildung meiner Meinung nach zu den unterschätzten Themen unserer Zeit. Kinder lernen heute erstaunlich viel über Influencer-Marketing, aber oft erstaunlich wenig darüber, wann Antibiotika sinnvoll sind, warum Impfungen wirken oder weshalb Schmerzmittel keine Bonbons sind. Die Apotheke wird dadurch immer häufiger zur niedrigschwelligen Nachhilfestunde in Gesundheitsfragen. In diesem Zusammenhang möchte ich aber auch betonen, dass es einige Apothekerkammern gibt, die das Projekt Apotheke macht Schule anbieten. Da referiert ein:e Apotheker:in in der Schule zu bestimmten Gesundheitsthemen. Das ist eine gute Sache, nur leider wird das nicht bundesweit angeboten. Sie ist eine Initiative der Kammern, wünschenswert wäre ein Schulfach für alle Kinder (so als Idee!). 

Und dann gibt es noch die psychische Gesundheit. Kaum ein Bereich hat in den vergangenen Jahren so deutlich gezeigt, wie verletzlich Kinder und Jugendliche sind. Wer mit offenen Augen durch den Apothekenalltag geht, bemerkt schnell, dass Schlafprobleme, Ängste, Stress und psychosomatische Beschwerden längst keine Randthemen mehr sind. Kinder tragen heute einen bemerkenswert großen Rucksack. Leider fragt selten jemand, wie schwer er eigentlich geworden ist. 

Gleichzeitig wird von allen Akteuren erwartet, noch effizienter, digitaler und kostengünstiger zu arbeiten. Das Gesundheitswesen soll sparen, die Versorgung soll besser werden und Kinder sollen selbstverständlich bestmöglich betreut werden. Das klingt ein wenig wie die Forderung, einen Kuchen größer zu backen und dabei weniger Teig zu verwenden. 

Kinder sind keine Sparschweine 

Natürlich kostet eine gute Versorgung Geld. Noch teurer wird allerdings eine schlechte Versorgung. Jedes nicht erkannte Gesundheitsproblem, jede verpasste Präventionsmaßnahme und jede verzögerte Behandlung landet irgendwann wieder im System. Nur meistens nicht mehr in der Kinderheilkunde, sondern Jahre später bei den Erwachsenen. 

Kinder sind gesundheitspolitisch betrachtet eine Investition mit besonders langer Laufzeit. Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, bei jeder Sparmaßnahme eine einfache Frage zu stellen: Wer trägt die Folgen? 

Wenn die Antwort lautet: „Kinder“, sollte man vielleicht noch einmal nachrechnen. 

Denn die Kleinsten können sich nicht wehren. Sie müssen darauf vertrauen, dass es die Erwachsenen für sie tun. 

 

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