Wenn die Seele hustet
Wenn Husten bleibt, obwohl die Lunge gesund ist: Seelische Belastungen können Husten auslösen oder verstärken – und erfordern andere Therapiewege als klassische Hustenmittel.
Husten und Psyche – wenn die Atemwege seelisch mitreagieren
Husten gilt klassisch als Leitsymptom von Infektionen oder chronischen Atemwegserkrankungen. In den letzten Jahren zeigt sich jedoch immer klarer, dass auch psychische Faktoren wie Stress, Angst und Depression die Entstehung, Schwere und Dauer von Husten beeinflussen können. In seltenen Fällen kann Husten sogar überwiegend psychisch bedingt sein.
Stress, Schlaf und Bronchitisverlauf
Eine akute Bronchitis klingt in der Regel innerhalb von ein bis zwei Wochen ab, der Husten kann aber bis zu acht Wochen anhalten. In dieser postinfektiösen Phase entscheiden Stress, Schlaf und Lebensstil häufig mit darüber, ob der Husten ausheilt oder chronifiziert. Studien aus der Psychoneuroimmunologie zeigen, dass anhaltender psychologischer Stress die Anfälligkeit für akute respiratorische Infektionen erhöht und die Immunantwort modifiziert.
Gleichzeitig erkranken Menschen mit verkürzter oder schlechter Schlafqualität signifikant häufiger an Infekten der oberen Atemwege. Ein „gestresstes“ und übermüdetes Immunsystem kann die Schleimhautheilung verzögern. Das kann dazu führen, dass der Husten länger als üblich bestehen bleibt, obwohl die akute Ursache abgeklungen ist.
Für deine Beratung in der Apotheke bedeutet das, deinen Kund:innen Stressreduktion und Schlafhygiene (regelmäßige Schlafzeiten, Bildschirmkarenz und ruhige Umgebung) zu empfehlen. Auch der Hinweis auf Nikotinverzicht und ausreichende Flüssigkeitszufuhr sind wichtige Tipps für die Beratung bei postinfektiösem Husten.

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Chronischer Husten und psychische Komorbidität
Bei chronischem Husten (Dauer > acht Wochen) ist der Zusammenhang mit psychischer Gesundheit besonders gut untersucht. Patient:innen mit sogenanntem „chronisch refraktärem“ Husten zeigen in Beobachtungsstudien deutlich erhöhte Werte für Angst, Depression, Müdigkeit und andere somatische Beschwerden im Vergleich zu Personen ohne Husten.
Einige Studien konnten zudem zeigen, dass Erwachsene mit chronischem Husten häufiger unter depressiven Symptomen leiden und ein erhöhtes Risiko für wiederkehrende depressive Episoden haben. Umgekehrt gehen depressive Symptome und psychischer Stress mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung eines chronischen Hustens einher. Weitere Studien belegen, dass Angst und Depression mit stärkerer Hustenschwere und deutlich reduzierter Lebensqualität zusammenhängen können. Die Beziehung zwischen Husten und Psyche ist damit klar wechselseitig belegt.
Psychisch dominierte Hustenformen
Die aktuellen Empfehlungen einer internationalen Fachgesellschaft für Lungenerkrankungen (CHEST-Leitlinien) schlagen vor, den alten Begriff „psychogener Husten“ durch „somatisches Hustensyndrom“ zu ersetzen. Gemeint ist ein chronischer Husten, für den sich trotz gründlicher medizinischer Untersuchung keine körperliche Ursache finden lässt. Diese Diagnose darf erst gestellt werden, wenn andere Erkrankungen als Ursache des Hustens sorgfältig ausgeschlossen wurden und wenn die Kriterien eines anerkannten Diagnosesystems für seelisch bedingte körperliche Beschwerden erfüllt sind.
Bei vielen Betroffenen liegen starke seelische Belastungen, Angststörungen oder andere funktionelle Beschwerden vor – also Symptome, die real sind, aber nicht durch eine Organerkrankung erklärt werden können.
In der Behandlung stehen deshalb psychologische Verfahren im Vordergrund, zum Beispiel:
- Kognitive Verhaltenstherapie (Bewältigung ungünstiger Gedanken- und Verhaltensmuster),
- Suggestion und Hypnose (gezielte, geführte Aufmerksamkeit und Entspannung),
- Familientherapie (Einbezug der familiären Situation, vor allem bei Kindern).
Gewöhnliche Hustenmittel (Antitussiva) helfen bei dieser Form des Hustens in der Regel kaum.
Empfehlungen für die pharmazeutische Praxis
Für Apothekenteams ergibt sich daraus ein klarer Auftrag: chronischen Husten immer sowohl organisch als auch psychosozial betrachten. Zu erfragen sind immer Dauer des Hustens, Art (trocken/produktiv), Begleitsymptome, Medikamente, Nikotinexposition und – vorsichtig – aktuelle Stress- und Schlafsituation. Warnzeichen wie Dyspnoe, Fieber, Gewichtsverlust oder Husten der länger als acht Wochen andauert konsequent ärztlich abklären lassen.