Wer bekommt den Voltaren-Koffer?

Thermoskanne, Kosmetiktasche oder Kugelschreiber: Vertretergeschenke sorgen nicht immer nur für Freude. Denn hinter kostenlosen Give-aways verbergen sich oft überraschende Debatten über Fairness, Neid und Zusammenhalt.

Der Kugelschreiberkrieg 

Es beginnt meistens ganz harmlos. Ein Pharmareferent verabschiedet sich freundlich, hinterlässt ein paar Proben, vielleicht einen Notizblock, eine Thermotasse oder einen Regenschirm. Kaum fällt die Tür ins Schloss, wandern alle Blicke wie von selbst auf die Tüte. „Was hat er dagelassen?“ 

Ich behaupte ja: Vertretergeschenke sind ein erstaunlich guter Gradmesser für die Stimmung in einem Team, denn aus einer kostenlosen Thermoskanne können innerhalb weniger Minuten philosophische Grundsatzdiskussionen über Gerechtigkeit entstehen. Wer bekommt sie? Wer darf zuerst aussuchen? Und überhaupt – wem gehört das eigentlich? Der Apotheke? Dem Chef? Demjenigen, der gerade Dienst hatte? Oder allen gemeinsam? 

Jede Apotheke hat ihre eigenen Regeln 

Ich habe inzwischen die unterschiedlichsten Modelle kennengelernt: Die einen legen einfach alles auf den Tisch. Wer etwas gebrauchen kann, nimmt es mit. Fertig. Erstaunlicherweise funktioniert das in manchen Teams seit Jahren völlig problemlos. Dann gibt es die Weihnachtsfraktion. Das ganze Jahr wird gesammelt: Kosmetiktäschchen, Brotdosen, Handcremes und Kugelschreiber in allen erdenklichen Farben. Irgendwann im Dezember werden daraus Überraschungstüten gepackt oder Lose gezogen. Fast wie eine kleine Tombola. 

Andere würfeln: Die höchste Zahl darf zuerst aussuchen. Wieder andere versuchen, möglichst gleichwertige Pakete zusammenzustellen. Und dann gibt es noch die Variante mit den individuellen Tüten: Die Kollegin mit empfindlicher Haut bekommt keine Aknepflege und der Kollege, der nie Lippenstift trägt, muss auch keinen knallroten Lippenstift auspacken. Das finde ich irgendwie charmant, fast schon personalisierte Pharmazie. 

Die, die niemals gönnen können 

Natürlich habe ich auch die andere Seite erlebt und den Satz gehört: „Das bleibt erst einmal beim Chef.“ Rein rechtlich lässt sich dagegen wenig sagen, denn schließlich werden die Dinge der Apotheke überlassen. Und viele Inhaber:innen geben ohnehin fast alles an ihre Teams weiter. 

Was ich allerdings mindestens genauso oft erlebt habe, ist etwas ganz anderes. Nicht Freude, sondern Streit, und das jedes Mal, wenn etwas Besonderes dagelassen wird. Da wird plötzlich diskutiert, wer den Voltaren-Koffer bekommt. Warum ausgerechnet sie schon wieder die schöne Thermoskanne hat, und weshalb der Kollege den hochwertigen Rucksack mitgenommen hat, obwohl er letzte Woche schon einen Regenschirm bekommen hat. Spätestens dann wird aus einem Werbegeschenk ein Problem. 

Ich musste bei einer Geschichte, die ich von einer Freundin erfahren habe, besonders schmunzeln. Da soll die Chefin irgendwann gesagt haben: „Wenn ihr euch wegen kostenloser Geschenke streitet, bekommt künftig niemand mehr welche.“ Ich vermute, die Diskussion war damit ziemlich schnell beendet. Eigentlich geht es nämlich gar nicht um den Kaffeebecher. 

Manche fühlen sich übergangen 

Es geht nicht um den Einkaufskorb oder den USB-Stick. Es geht um Fairness, und darum, ob sich alle gleich behandelt fühlen. Und das ist in einem Apothekenteam oft wichtiger als der materielle Wert eines Geschenks. Vielleicht gibt es deshalb auch gar kein perfektes System. In einer kleinen Landapotheke funktioniert das offene Regal vielleicht wunderbar. Mit sechs Kolleginnen kann man sich schnell einigen. In einer Apotheke mit fünfzig Mitarbeitenden dürfte das schon etwas sportlicher werden. Dort wirkt eine Weihnachtsverlosung wahrscheinlich deutlich entspannter. 

Was ich an der ganzen Geschichte aber am schönsten finde: Vertretergeschenke erzählen erstaunlich viel über ein Team. Nicht darüber, wie teuer die Geschenke sind. Sondern darüber, wie miteinander umgegangen wird. Ob man gönnen kann, ob man teilt, ob man miteinander spricht oder ob aus einer kostenlosen Thermoskanne plötzlich eine Staatsaffäre wird. 

Und wenn du dich jetzt fragst, was mein persönliches Lieblingsgeschenk von Pharmareferent:innen ist: Ganz ehrlich? Am meisten freue ich mich tatsächlich über einen Gutschein für die Bäckerei nebenan. Davon hat das ganze Team etwas. In der Kaffeepause sitzen plötzlich alle zusammen bei frischen Brötchen oder einem Stück Kuchen. Und für einen kurzen Moment geht es weder um Rabattverträge noch um Lieferengpässe oder Vertretergeschenke. Manchmal sind die besten Geschenke eben nicht die, die einer mit nach Hause nimmt – sondern die, die alle gemeinsam genießen können.

 

AMIRA fragt: Wie handhabt ihr das in eurer Apotheke? Teile deine Erfahrungen mit deinen Kolleg:innen!