Linnemann auf der expopharm: „Apotheken haben Deutschland lebenslänglich gebucht“

AMIRA live beim DAT: Bei seinem ersten Auftritt vor der deutschen Apothekerschaft stellte sich Carsten Linnemann demonstrativ hinter die Vor-Ort-Apotheken. Besonders klare Worte fand der Bundesgesundheitsminister zum Versandhandel und zu Medizinalcannabis.

Großer Trubel bei der Eröffnung des Deutschen Apothekertages in München: Als Bundesgesundheitsminister Dr. Carsten Linnemann gemeinsam mit ABDA-Präsident Thomas Preis den Saal betrat, richteten sich Kameras und Handys auf den „Neuen“. Ende Juli hatte Linnemann das Amt übernommen, erst wenige Tage zuvor war er vereidigt worden. Beim Deutschen Apothekertag absolvierte er seinen ersten offiziellen Auftritt vor der deutschen Apothekerschaft.

Preis wertete das als Zeichen, dass Linnemann die Vor-Ort-Apotheken wichtig seien. In seinem vorausgehenden Lagebericht würdigte er die Apotheken als Bestandteil der Daseinsvorsorge, verband seinen Dank für die beschlossene Apothekenreform aber mit weiteren Forderungen. Unter anderem kritisierte er die Ausgestaltung der geplanten Honorarerhöhung und die zusätzlichen Belastungen durch das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz. Außerdem forderte er faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber ausländischen Versandapotheken und eine stärkere Einbindung der Apotheken in die Primärversorgung.

Mehr als Arzneimittelversorgung

Linnemann begann seine Rede persönlich. Als Sohn von Buchhändlern kenne er die Bedeutung inhabergeführter Geschäfte für lebendige Innenstädte. Apotheken seien nicht nur Orte der gesundheitlichen Versorgung, sondern auch soziale Treffpunkte und Teil des örtlichen Netzwerks. Sie unterstützten Sportvereine, Schülerzeitungen und andere gesellschaftliche Aktivitäten. 

Gleichzeitig stellte der Minister klar, dass Apotheken wirtschaftlich arbeiten können müssen: „Natürlich müssen Sie Geld verdienen.“ Anders als manche Großunternehmen seien sie standorttreu. Sie gingen nicht einfach dorthin, wo sich bessere Bedingungen böten, sondern hätten, wie Linnemann es formulierte, „Deutschland lebenslänglich gebucht“. 

Der Blick in die ihm von Preis überreichte Broschüre „Die Apotheke – Zahlen, Daten, Fakten“ habe ihn nachdenklich gemacht. Rund 5.000 Apotheken weniger innerhalb von 15 Jahren seien ein alarmierendes Signal für die flächendeckende Versorgung. Ursachen sieht Linnemann unter anderem in fehlender Wirtschaftlichkeit, gestiegenen Kosten und dem Fachkräftemangel.

Rückendeckung für neue Aufgaben

Die mit der Apothekenreform verbundenen erweiterten Kompetenzen begrüßte Linnemann ausdrücklich. Apotheken könnten künftig eine stärkere Rolle bei Prävention, Impfungen und der Versorgung chronisch Erkrankter übernehmen. Auch die Möglichkeit, bestimmte Dauermedikamente ohne erneuten Arztbesuch abzugeben, verteidigte er trotz Kritik aus der Ärzteschaft. Wer Arztkontakte reduzieren und die Primärversorgung verbessern wolle, müsse die niedrigschwellig erreichbaren Apotheken einbeziehen.

Klare Ansage zum Versandhandel

Besonders viel Applaus erhielt Linnemann für seine Aussagen zu ausländischen Versandapotheken. Wenn ausländische Anbieter Vorteile gewähren dürften, die deutschen Apotheken untersagt seien, handele es sich um eine Wettbewerbsverzerrung. Seine Position: Entweder müssten dieselben Möglichkeiten für beide Seiten gelten – oder für keine. „Wir müssen das abstellen“, sagte der Minister, warnte allerdings zugleich vor vorschnellen Versprechungen. Er wolle sich für gleiche Wettbewerbsbedingungen einsetzen. 

Auch beim Versand von Medizinalcannabis kündigte Linnemann Handlungsbedarf an. Die prognostizierte Verzehnfachung der Importmenge innerhalb von drei Jahren zeige, dass das System aus seiner Sicht aus dem Ruder gelaufen sei. Medizinische Cannabisblüten seien über Onlineplattformen und Privatrezepte teilweise zu leicht erhältlich. Das habe mit verantwortungsvoller Gesundheitsversorgung nichts mehr zu tun. 

Zum Abschluss versprach Linnemann einen engen Austausch und forderte die Apothekerschaft ausdrücklich auf, auch künftig hart und kritisch mit ihm ins Gericht zu gehen. Die freundliche Aufnahme beim Apothekertag dürfte ihm gezeigt haben: Die Erwartungen an den neuen Minister sind groß – die Bereitschaft zur Zusammenarbeit aber ebenso.